Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Der jüdische Weltschmerz
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 29 (sequence 4)
- Language
- German
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Sch. L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz 29 Warum veränderte sich plötzlich unser Verhältnis zur Frage <k:r nationalen Existenz? Wie geschah es, daß unser Volk, das bis nun mit efner erstaunlichen Kraft und voll Hoffnung die Irrfahrten des Weges ertrug, jetzt plötzlich kraftlos stehen blieb und in seiner Seele keinen inneren Antrieb mehr findet, seinen Weg fortzusetzen? Viele und mannigfache Ursachen, Ursachen, die in den neuen ökonomischen Verhältnissen und in den neuen Zuständen liegen, und die die Juden aus dem abgesonderten < ihettoleben herausrissen und sie neuen Lebenserscheinungen gegenüberstellten, könnten uns diese furchtbare Krisis in unserm * 1 J heutigen nationalen Leben erklärlich machen — könnten, wäre mich unser Volk vom Glück so bedacht wie andere Völker, wäre auch es wie andere an seinen historischen Gang gebunden, an Anfangsstadien und an materiell-natürliche Bedingungen. Aber unser Volk, dessen ganze Lebensgeschichte vom Anbeginn des Exils miit seinen Folterungen und Opfern für den (iottesnamen ein offener Protest ist gegen den „historischen Materialismus", dieses Volk, das längst schon wie durch ein Wunder Tausende von Jahren fortbesteht — warum erschlaffte <*s jetzt plötzlich, warum ist ihm seine Existenz jetzt so wunderlich und zweifelhaft geworden? Kam zuletzt auch über es das Ende alles Fleisches, und soll sich auch an ihm das Schicksal aller alten Völker vollziehen? Schwere und bittere Gedanken umschleichen die Seele. Scheint, daß nid/t nur äußerliche Ursachen dem nationalen Leben des jüdischen Volkes sich in den Weg gestellt haben, sondern daß das Unheil auch die Seele angriff. Wäre in uns noch jetzt m genügendem Maße der Wille zur nationalen Existenz, dann hätten in uns, ebenso w*e in anderen Zeiten, in denen unserm Volk < icfahr drohte, neue Kräfte sich erweckt, um unseren Weg mutig' u eiterschreiten zu können. Scheint, als wäre dieses „Geistige" m uns irgendwie in seiner Wurzel entartet, als hätte dieses göttliche Etwas, das uns in dieser langen Zeit beistand" und 1 > *; den Notgedrückten Blut gab, scheint, als hätte es uns jetzt v erlassen; Unser Volk hörte auf zu glauben an das Wesen der ■Q. w Metaphysik, hörte auf zu glauben an die transzendentalen Kraft die außerhalb des Lebens und der Natur stehen, und deshalb versiegte der Born seines Willens, und deshalb will es nicht mehr als ein ganz einzig dastehendes Phänomen Muster abgeben. Das Hauptsächlichste fiel von ihm-/ab. Es findet vcinen Gefallen mehr an einem Leben, das der Glaubens- -atzungen und Bestimmungen aus den Grenzen der „Geistigkeit" und der Metaphysik bedarf, um es zu erklären und um (hm Berechtigung zu geben, sondern es will ein ganzes und volles, ein Leben, dessen Wesentlichkeit aus sich selbst herauss