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Die Freistatt · 1914-04-30 · Heft 1 (30.4.1914) · p. 28

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Journal
Die Freistatt
Volume
2 (1914)
Issue
Heft 1 (30.4.1914)
Article
Der jüdische Weltschmerz
Date
1914-04-30
Page
28 (sequence 3)
Language
German
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28 Sch. L Hurwitz, Der jüdische Weltschmerz ihrem Auflebungsrummel und all ihren Hedad-Jauchzern . . . Keine Zuflucht und keine Rettung! Sein oder Nichtsein, das ist in unserer Welt jetzt die brennendste aller Fragen. Immer wieder taucht sie auf, girrt wie eine Taube aus den Trümmern unseres Lebens, und zwischen Zwang und Willen macht sie sich unser Herz zu eigen . . . / { *. Lange Perioden voll Leid und Schmerz hatten wir bereits zu ertragen, Leid und Plagen in einem vielleicht noch größeren Maße als jetzt. Aber dem allen entwuchs trotzdem noch keine Verzweiflung, Das Volk nahm sich immer wieder zu* sammen, trank neuen Lebensmut und ging seinen Weg weiter. Es hatte immer Träume, um derentwillen es sich verlohnte die Augen zuzudrücken und sich ihnen zu ergeben. Es hatte immer noch einen Glauben, um dessentwillen es sich verlohnte zu leiden. Bevor noch der Glaube an eine zukünftige politisch-nationale Welt zerrann, leuchtete dann wieder ein anderer auf, der Glaube an eine kommende persönlich-individuelle Welt Bevor noch der Glaube versiegte, daß das Exil die Sünden sühne, kam dann wieder ein neuer auf, der Glaube an die „Mission", Jetzt aber siegte das Mißgeschick, denn es packte uns die Verzweiflung, Wir glauben an keine Mission mehr, weder an die, die dqr naive Glaube von einst erfand, noch an die, die das Golus- Judentum von jetzt erklügelte. Wir fühlen keinen Geschmack mehr an dieser traurigen und beklagenswerten Existenz, sehen keine Notwendigkeit mehr darin, unsere Seele zu kasteien, und keinen Zweck in einem „besonderen Winkel". Wir haben nichts, und was noch viel schlimmer ist — in uns selbst ist nichts. Wir haben in uns selbst nichts, womit wir unsere} Seele ausfüllen könnten, nichts, das uns Kraft gäbe, dieses erniedrigende und von aller Welt abgeschiedene Leben zu ertragen. Und warum denn sind wir in allem, und alle sind wider uns? Warum sind alle Völker lebensvoll und weltfreudig, und wir nur immer verbittert, immer mit umschleiertem Blick den Wolken hingegeben, immer nur an eine illusorische Welt gebannt? AH diese Fragen rütteln mit herber Gewalt an unserm Innern und lassen uns weder ruhig leben, noch ruhig sterben. Und aus all diesem entspringt noch für die jüdische Intelligenz die wichtigste und erschreckendste aller Fragen: Was weiter tun? Wie soll jeder einzelne von uns sein Leben in seinem Hause und in seiner Familie gestalten? Wie seine Kinder erziehen!? Wo gibt es einen Ausweg, wo Hilfe? Und groß ist die Verwirrung, schwer jeder Atemzug und. tiefer noch der Schmerz . . .

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