Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 24 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119814-3119815-3121625--1366-3121703- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
24 Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum ren, wie dem Jüngling bei Schaiom Asch (in „Meschiachs Zeiten"), der nach Zkm sein geliebtes jüdisches „Stadtel" mitnehmen möchte." Aber nicht nur, daß sie gar nicht fühlen, wie sehr sie mit solchen Worten den volklichen Minderbestand der Westjuden anerkennen; nicht nur, daß sie plötzlich und ohne jede Legitimation durch die Zeitereignisse „den toten Punkt der westlichen jüdischen Entwicklung für endgiUig überwunden" ren — manche von ihnen gehen weiter und behaupten gar so etwas wie eine Mission der Westjuden: „Das Westjudentum"", hören wir, „hat dem Gesamtjudentum das große alljüdische ideal: den modernen Zionismus gegeben, hat dem Golusjudentum die Voraussetzungen zu einer völligen Umwandlung eingepflanzt, die Ideen der persönlichen Würde, der Volksfreiheit, der Selbsthilfe." 4 w Nun, gegen die Feststellung, daß der Zionismus west- und intelligenzjüdischen Ursprungs ist, ist ja nichts einzuwenden. Ich hab's ja selbst oft genug behauptet und betont. Und weitere Untersuchungen zu diesem Punkte sind hier, wo ja einzelne Bewegungen in Rede stehen, nicht am Platze, Auch auf das Thema von der „völligen Urnwandlung" soll hier nicht eingegangen werden, und zwar wiederum, weil dadurch der Rahmer dieses Aufsatzes gesprengt werden könnte. Bloß eines darf hier nicht unwidersprochen bleiben -— und es ist das Wesent-, liehe an dem zitierten Versuch, das Westjudentum an einem frisch entdeckten Zipfel seiner Leistungen auf ein Piedestal emporzuheben — nämlich die Behauptung, daß die Ideen der per* sönlichen Würde, der Volksfreiheit und der Selbsthilfe dem „Golusjudentum" bisher gefehlt haben und erst von den Westjuden eingepflanzt werden mußten. Vor allem ist ja noch gar kein Urteil darüber möglich, ob diese angebliche Einpflanzung, die ja nach der Sachlage erst unlängst begonnen haben kann, schon wirklich vollendet und gelungen ist. Und abgesehen davon, stellt sich die ganze Behauptung wieder als ein Schulfall der glänzenden Einsichtslosigkeit unserer Intelligenten und ihrer leider ungeheuerlichen Entfremdung vom Volke dar. Wieder die alte Geschichte: Wieder muß das ostjüdische Volk mit seinen massiven Tugenden und Lastern herhalten, um die schwächlichen Sünden der aus dem Gleichgewicht gebrachten Westjudei; mit zu verantworten. Wieder einmal dieses arisch-christlich beeinflußte Nichtkennen und Nichtbegreifen jener höheren, weil innerlicheren, persönlichen Würde, die dem echten Volksjuden eignet! Wieder einmal dieser leere Maskilim-Wahn, der da glaubt, dem Volke etwas Lebenswichtiges aufpfropfen zu können, wenn sich's nicht ohnehin in der Stille seines inneren Waltens formt und ballt! Wieder einmal dies Verkennen des