Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 2 (1914)
- Issue
- Heft 1 (30.4.1914)
- Article
- Der Hebraismus und die Reaktion
- Date
- 1914-04-30
- Page
- 13 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3119801-3119814-3119815-3121623--1351-3121692- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bai Dimien, Der Hebraismus und die Reaktion 13 taten auf die Volkssprache zurück. Nun ist aber diese Politik der plumpen kapitalistischen Uebermacht (schon verstehen das ja auch — der Fall Bergmann gibt davon Kunde — die feinfühlenderen Zionisten) nicht nur hoch st antinational, sie isi obendrein im höchsten Grade reaktionär. Denn sie stützt sich in der Wirklichkeit, mehr als auf alle Glücksohn-Klausn ersehe Sehnsucht, auf die politische Reaktion, die jetzt auf dem Lande lastet und die jüdischen Massen in ihren brennendsten Lebensfragen nicht zum Worte kommen läßt, (Ein Analogon dazu hat man in der vormärzlichen Denationalisierungspolitik des deutschen, regierunggehorsamen liberalen Judentums.) Die Reaktion weiß sehr wohl, warum sie die hebraistische „Sehnsucht" stärkt. Denn von ihr befürchtet sie nichts für den Erfolg ihrer Denationalisierungspolitik. Sie ist viel zu weltklug, diese politische Reaktion, als daß sie etwas von einer lebendigen jüdischen Nation auf der Grundlage der hebraistischen Phantasien befürchten oder gar mit dem minimalsten Erfolg der Hebraisierungsanstrengungen rechnen sollte;. Ja, sie erblickt in dem kämpfenden Hebraismus, der doch unter dem Schlagwort eines Ideals und der nationale 1 Au Hebung die ost jüdische Gegenwart unterminiert, geradezu einen willkommenen Bundesgenossen. Indes kämpft sie erbittert gegen Jiddisch. Denn das ist für sie eine Realität; in ihm hat die lebendige jüdische Volkskultur, haben d e starken gesellschaftlichen Bewegungen in der jüdischen' Masse ihr stärkstes Bollwerk; wenn sie das Jiddische bezwungen hat, ist ihr Triumph über das eigennationale jüdische Streben cutschieden. — Hier mag kurz an die Aufhebung der jüdisch-literarischen Gesellschaft in Petersburg wie in der Provinz erinnert sein, die vor drei bis vier Jahren stattfand. Sie geschah, weil die Reaktion die mit der Tätigkeit dieser Gesellschaft organisch ver bundene stärkere nationale „Absonderung" der Juden fürchtete. Air selben Zeit ließ sie den „Chowewe-sfath-ibri" (den hebräirhen Sprachvereinen) völlige Freiheit. Das sind die einzigen bevorrechtigten Vereine unter uns, die völlige Orts- und Verammlungsfreiheit genießen, während heute nicht einmal ein Minjen" (10 Mann) Jiddischisten die Möglichkeit hat, zu einer lk ratung zusammenzukommen. Zur selben ZeiJ äußert die Reaktion ihre merkwürdige Vorliebe für das Hebräische, da sie hddisch nicht einmal in den legalisierten Vereinen zuläßt und die jiddischen Theater und andere Einrichtungen der jiddischen Volkskultur bedrückt und verfolgt usw. Das kommt daher, daß <lio Reaktion gar nicht so weltfern ist, wie man es im Westen uiiiimmt Sie weiß sehr wohl die im jiddischen zuckende, im-