Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Die Reise Benjamins des Dritten
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 729 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119813-3121519--1308-3121604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
728 Jiddische Dichtung Mendale Mojcher Sfurem Die Reise Benjamins des Dritten. Früher war Benjamin wie ein Küchlein im Ei oder wie ein Wurm im Meerrettig h gewesen, er meinte, daß hinter Tunejadewke die Welt aufhöre, und daß man nirgends angenehmer und besser leben könne „Ich glaubte — sagt Benjamin an einer Stelle — daß man gar nicht reicher zu sein brauche als unser Pächter, man denke nur: Die Einrichtung eines Hauses: Vier paar Messingleuchter, ein sechsarmiger Hängelcuchter mit einem Adler oben drauft zwei parewe 2) Kupfertöpfe mit fünf Kupferpfannen, ein Sims Zinnteller und sicher an ein Dutzend Tombaklöffel, zwei Silberbechcr, ein Oewürzbüchslein 3\ eine Channikelampe 4), eine Zwiebeluhr mit zwei Deckeln und einer dicken Kette aus Sandperlen, zwei Kühe auf einmal und bald ein Kalk dazu, zwei Sabbatröcke und noch viel Schönes dieser Art Ich glaubte, es gäbe nur einen klugen Menschen, den Reb 5> Asik Duwwid Reb Aren Jossales Ssure Slattes 6)# Spaß, man erzählt sich, daß er einmal in der Jugend mit Brüchen zu rechnen verstand. Er hätte Minister sein können, hätte das Stückchen Glück nur so weit gereicht. Ich dachte immer: Wer hat noch so ein strahlendes Antlitz, eine so süße Sprache wie unser Chaikel Stotterer? Wo gibts einen so sachverständigen Doktor, der Tote lebendig machen kann, wie unsern Bader, der die Dokterei dem Vernehmen nach bei einem Zigeuner von den Zauberern Aegyptens gelernt hat?4* Das Leben in seinem Städtchen schien Benjamin also sehr schön und gut Er lebte zwar in Not und ging samt Weib und Kindern in zerlumpten Kleidern herum. Aber auch Adam und sein Weib im Paradiese schämten sich nicht, daß sie nackt waren. Doch die wunderbaren Geschichten von den Roten Juden und den Zehn Stämmen drangen tief in sein Herz. Seit jener Zeit wurde es ihm im Städtchen zu enge, es zog ihn immer nach jenen fernen Ländern hin; sein Herz sehnte sich, so wie ein kleines Kind die Händchen nach dem Monde ausstreckt. Auf den ersten Blick möchte man fragen, was es für besondere Bewandtnis habe mit einer Dattel, einem Pristaw, einer Jarmelke, einer Peje, einem spät nachts in einem Gäßchen Erwischten, einer Ziege und einem Strohdach? Aber all das rief in ihm eine tiefe Veränderung hervor und hatte zur Folge, daß er die Welt mit seiner berühmten Reise beglückte. Sehr 1) Sprichwörtlicher Ausdruck für einen, der die ihm bekannte.! Verhältnisse für die besten der Welt hält. 2) Parewe nennt man Speisen, die nicht unter den ritualen Gegensatz von »milchig** und „fleischig* fallen und daher sowohl mit iVülchals auch mit Fleischspeisen zusammengenossen werden dürfen. Demgemäß sind die dabei verwendeten Gefäße und Geräte auch parewe* 3) Das am Sabbatausgang verwendet wird. 4) Für das Fest der Tempelweihe. 5) Titel: „Herr." 6) Herr Eisik David, Sohn des Herrn Ahron Jossei, Sohn der Sarah Slatte.