Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Cinéma
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 722 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig, Cinema 721 keinen Freund gefunden für länger als drei Wochen, und stets sollte er die Schuld tragen, seine Art und seine Gewohnheiten. Als oh dabei etwas Schlimmes gewesen wäre! Nun würden sie's haben. Daß er als Märtyrer starb, sie waren schuld; denn sie alle, samt Eltern und Lehrern, mußten es verantworten, daß nun, wo er seine Jahre nach Licht übersah, nur Bücher und Träume sich wiesen und Sommernachmittage einsam im Wald. Und jetzt hatten sie ihm auch die gestohlen und Sonntags aHein ihm erlaubt, dorthin zu fliehen. Doch heute wurde das gleichgiltig, er hatte genug und rechnete ihnen das doch nicht zum Bösen an. Mochten sie glücklicher werden als Benno Bremm, er gönnte es ihnen, er klagte nicht an, Sie würden hinter dem schwarzen Wagen gehen, der seinen Sarg zu Grabe fuhr, die ganze Klasse; und die Mädchen würden weinen, sie, die ihn stets verlacht und nie gerne gehabt und geküßt hatten. Er streckte sich, voller Süße wie nie im Bett, und blickte froh in die leisdurchschwebte Schwärze, weil er sich so edelmütig erwies. Es war gar nicht kalt. Man wurde ein bißchen schläfrig; und wie schnell der Schnee einen bedeckte! Er sah noch die Kappen seiner groben Schuhe schwarz und rund; sie schienen ihm sehr nahe. Er wärmte die Hände in den Taschen des Mantels und war zu müde, sie herauszuziehen, als Klara sich aus ihrem Versteck herausarbeitete, halben Leibs, dann ganz, und neugierig die Luft einsog. Sie saß auf seiner Brust, warm, weich und lebendig, die fallenden Flocken ärgerten sie, und sie begann mit dem Pfötchen zierlich nach ihnen zu schlagen. Eine wunderliche Helle erlaubte ihm, sie genau zu sehen; dann schloß er ein bißchen die Augen; das tat wohl. Ein weiches und träges Glück erfüllte ihn und ließ ihn vergessen, gleich nachdem er es bemerkt hatte, daß seine Füße erstarrten. — Ob es sehr süß war geküßt zu werden? Er gähnte, ein wenig Schnee fiel ihm auf die Zunge und schwand mit heißem, wässerigem Geschmack. — Wie sanft die Ruhe das Herz erlöste! Sein Bruder schnarchte nicht — so würde er bald schlafen; schlafen und träumen. — — Es fühlte sich an, als entferne ihn ein Luftballon, in dessen Gondel er schlummernd ruhte, von da unten, vom Gewimmel, in die Luft, die ihn rein und kalt anhauchte. Da lag sie nun, diese arme Seele und wollte ihren Tod; inmitten all ihrer unechten Gefühle und des verfälschten Heldentums blieb allein echt, daß sie zu sterben strebte, um frei und nicht mehr zu sein, damit der Schnee alle Unsauberkeit bedecke. In Gedrücktheit geboren und selbst unrein, gab sie den Kampf auf, den sie bisher um würdigeres Leben geführt hatte: Rausch und Traum, erkauft mit kläglichen Mitteln. Aber sie hatte gestritten, sie hatte sich erhoben, sich gewehrt