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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 723

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Cinéma
Date
1914-03-31
Page
Seite 723 (sequence 10)
Language
German
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722 Arnold Zweig, Cinema gegen das dunkle Reich, und nicht diebisches Gift, sondern Geist, wenngleich erniedrigten, als Zuflucht genommen: und so hatte sie nicht gesündigt, indem sie sich fallen ließ, und auch ihr Tod war vorweggenommen und gestillt durch den großen Tod auf Golgatha. So wurde denn jetzt, im vergrabenen Drang* sich zu opfern, zu sühnen und aufzusteigen, im Feuer des Todes sich zu läutern, ein neuer Kern in ihr geboren, und e& ward ihr zugesprochen, zu leben. Denn wie hätte 9onst geschehen können, daß der Knabe geweckt wurde, aufzuerstehen? Er schlief schon fast im Grunde des Schlummers, und sein Traum kleidete ihn in das bestickte Wams des Leutnants der Musketiere: er war d'Artagnan, und d'Artagnan kam im Galopp, er brachte der Königin einen Brief, sein Degen klirrte, und sein Rock von weinrotem Samt flog ihm um die Hüften. Weinte die Königin? Aber hier weinte doch jemand! Er schüttelte fast willenlos den Schnee von der Stirne und öffnete die Augen halb in Schlaf: Hier weinte doch jemand! Klara weinte, sie fror und schrie hell und langhin wie ein Kind in die Nacht, die begann, sich zu besternen. Er holte sogleich voll Erbarmen die Hände vor und setzte sich auf, sie einzuknöpfen. Er blickte plötzlich ganz wach, ausgeruht und erfrischt. — Also hier saß er? Und ein Schreck, der ihm ins Herz schlug, riß ihn empor: er sprang auf die Füße — was tat es, daß sie eisig und halb erstorben waren — er stand, er lebte! Klara war in den Schnee gefallen er hob sie auf und drückte sein Gesicht in den flaumigen Pelz. Leben! Ein gräßlicher Schreck fiel ihn an. Jrrsinn hatte ihn hiehergeführt, ihn vergessen lassen, daß er noch gar nicht alt war, daß so vieles noch geschehen konnte, daß daheim Bücher lagen und auf Lesen warteten, daß der Sommer kommen würde! Sterben? Aber eines Tages kam das Glück, es wartete schon auf ihn, irgendwo, irgendwann, und er wollte es versäumen? Und mittlerweile gab es Bücher, Träume, Klara, gab es den Cinema — und andere Städte, in die er, erwachsener, gelangen würde, große, voll von Wundern und Mädchen, von denen eines auch ihm bestimmt war. O, dafür konnte man wohl Ladentisch und Bücherreihen von Staub säubern! Und er machte sich eilig auf, taumelnd, denn die Füße trugen ihn schlecht im Schnee, zur Flucht in die Stadt, die sich hell überdunstet vor ihm ausbreitete. Ihn hungerte ein wenig, und er suchte in der Tasche nach den Korinthen, die noch in der Tüte klebten und süß im Munde zergingen. So humpelte er dahin, sehnsüchtig nach der erhellten, erwärmten und etwas dicken Luft der Straßen, ein Verwundeter, der das Schlachtfeld hinter sich läßt und halb froh mit verminderter Tauglichkeit aber lebend, das Regiment sucht, zu dem er nun einmal gehört

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