Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Cinéma
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 721 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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720 Arnold Zweig, Cinema kahl, daß einen schon beim Anblick friert? Nur das Ende bleibt dir, das Ende der Armen , . . Nimm dein Kind ins Tuch, geh hinaus; dort, wo die große Stadt aufhört, findest du ein Feld voll Schnee, und es schneit ja noch immer. Lege dich hin und ruhe; es soll sanft sein, schlafe. Und siehe, dein Gesicht ist ganz hold von Stille, ehe es der Schnee begräbt . . , Die Musik schwrieg, es wurde Licht, man ging hinaus; Schnee fiel in großen Flocken, Bennc Bremms Kopf, heiß und dumpf, taumelte von dem Unerhörten. Es war unmöglich, nach Hause zu gehen; und als ihm irgendwie einfiel, daß er morgen früh Ladentisch und Bücher abzustauben habe, graute ihm so, daß er den Ekel im Munde bitter schmeckte. Fliehn, ins Freie! Er durchschritt einen Tunnel, stieg Stufen, ging an Häusern entlang und durch zwei leere Straßen der Vorstadt, die grünliche Qaslampen notdürftig erhellten; sie blieben zurück, und eine Landstraße zog ihn vorwärts, er bog ab und wanderte mühsam auf einem Weg, den er vom Sommer her gut kannte. Es schien ihm, er sei vergiftet oder halbwegs betäubt, und trotzdem hatte er noch nie so unbarmherzig grell und scharf gesehen, was für ein elendes, weggeworfenes Stück Welt er selbst war. Er blickte im Schrei* ten dieses Geschöpf Benno Bremm, unsauber und schwach, das sich nächtlich an sich selbst verging, und das in Träumen lebte, die von der Wirklichkeit gräßlich verhöhnt wurden; er hätte nicht sagen können, woher ihm das Fühlen kam, aber es überwältigte ihn dumpf, daß dieses Sein die Welt entwertete, und daß ihm recht und gut geschähe, wenn er nicht da sei, nie gewesen wäre* Rechts und links lagen die Felder unter dickem Schnee, weiß dämmernde Wellen, sanft, weich und ruhevoll. Er blieb stehen und sagte laut: „Aber ich darf ja!" Ja, er durfte, ja, ja, er wollte! Seine Eltern? Er hob die Achseln und lachte scharf. Sie würden einen neuen Grund haben über Unglück zu klagen — welcher Genuß im Geheimen, den er ihnen spendete — nichts hielt ihn, kein Mensch; das einzige Wesen, das ihn liebte, war bei ihm, würde ihn begleiten, und er brauchte es nicht bei den Bösen zurückzulassen. Und wie süß war es zu empfinden, wie die blonden Mädchen, die ihm kaum dankten, die Mitschüler, die nicht mehr mit ihm sprachen, staunen würden und bedauern, daß sie nicht gütiger gegen ihn gewesen waren, wenn morgen in der Zeitung stand, daß man ihn erfroren gefunden habe! Er lächelte glücklich — schon lag er rücklings im weichen Schnee —, er verzieh ihnen. Sie hatten sich stets von ihm gesondert, ihn nie gut genug gefunden zum Verkehr, den Stärkeren gefiel es, ihn manchmal zu prügeln, und die Schwächeren gaben ihm Spottnamen und rissen flink aus in den sicheren Schutz muskelstarker Kameraden. Er hatte