Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Cinéma
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 719 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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718 Arnold Zweig, Cinema und rührten sich die Vielen, die den schlauchartigen Raum füllten, bewegten sich Köpfe, scharrten Füße. Ein elektrisch betriebenes Klavier hämmerte etwas Marschartiges. Vorn aber, zuckend und scheinend, mit scharfen Lichtern und tiefen Schatten, schwirrend und doch fest umrissen, zog es vorbei, geschah es, das grelle Märchen, unreinen Zaubers voll, und ergriff die Seelen, aber mit groben Fäusten. Ihnen allen taten die Augen schon etwas weh, aber noch beteiligten sie sich mit ganzem Leibe am Gesehenen, und nur der Geist ruhte aus, geriet in dumpfen Dunst, ward dick, verkam. Das, was gezeigt ward, hatten sie schon wie oft gesehen; aber sie wollten immer dasselbe finden, primitive Vorgänge um primitiven Gefühlen Betätigung und genußvollen Ausweg zu erlauben. Dabei verlangt man weniger Sinn als Sinnfälligkeit, und scharfblickende Begründung wird nicht gefordert . . . Ein feiner, junger Mann gerät in Not, muß Kellner werden, da er vom Ball kommend gerade einen Frack trägt, und wirft einen Stoß Geschirr um; hundert Teller gehen entzwei, er flüchtet: und nun beginnt eine Jagd, im Laufe derer man zwanzig Leute umrennt, die erbost verfolgen helfen, Häuser werden erklettert, eine Lawine von komischen Unglücksfällen trägt sich zu, bis der Urheber, lächerlich zugerichtet, ins Heim einer fremden und reichen Familie flüchtet, deren Tochter demnächst seine Braut sein wird — denn sein Schnurrbart und seine zuckerigen Augen haben keinerlei Reiz eingebüßt Dies ist gemacht^ damit man lache: und sie lachen, die ungesunde Luft des finsteren Gewölbes dröhnt vom Gelächter aller dieser Menschen, die sich laufen fühlen, stürzen, jagen, die beglückt sind von der Aussicht auf Prügel und schmalzig gerührt von dem plötzlichen Glück des ungeschickten Kavaliers; auch Benno Bremm, der stets Gedrückte, lacht so, daß die klebrigen Korinthen, die er im Munde hat, diese unsauberen kleinen Weinbeeren, ihm den Atem versperren und ihn zum Husten zwingen. Gab es das noch, das Dasein draußen? Aber hier rollte eins, hundertmal brennender und doch ungefährlich, zusammengepreßt aber für sich eingesperrt wie die flüssig gemachte Kohlensäure, von der er in der Schule gelernt, daß man sie in eiserne Flaschen füllt . . . Wenn hier Eltern vorkamen, so sah man sie sich lächerlich elternhaft gebärden, aber sie konnten keinesfalls an einen heran; und gesetzt; daß hier ein Laden gezeigt ward, so blieb eines sicher: nicht er, Bremm, hatte ihn von Staub zu reinigen — vielmehr würde er geruhig und schadenfroh auf jenen Lehrling blicken, falls einer agieren müßte. Wie war man sicher hier! Ach, daß das Leben, das wirkliche, für ihn nicht auch verlief wie ein Film, dem man müßig zuschauen durfte auf bequemem Sessel! Ach, daß er nicht reich