Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Cinéma
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 718 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig, Cinema 717 erbeuteten Bücher in dem gewärmten Bettplatz vergraben hatte, steckte er die Freundin in die Brusttasche des Mantels — nicht ohne daß sie sich heftig sträubte — und ging dann, den Kragen aufgestellt, der sie verdeckte, unbefangen durch die helle Stube. Die Begleitung seines Bruders verbat er sich aufs Unfreundlichste und entfernte sich von den Seinen, Die Nacht, kalt und windlos, gab ihm einen Strom Frische in die Brust, und sein Herz schlug unregelmäßig dem schäbigen Glück entgegen, das ihn alsbald umfangen sollte. Von der Kirche her schlug es halb, halb neun; so würde er den Film noch unbegonnen vorfinden, den das vornehmste der sechs „Theater" des Städtchens für eine vermutlich überaus große Summe aufführen durfte, um noch größere damit als Tribut der Kunstfreunde einzuheimsen. Dieses geniale Vereinen von Kunst und Geld stimmte den Jüngling nachdenklich und ehrfürchtig, denn er besaß eine natürliche Art, den Wert einer Tätigkeit an den Beträgen zu messen, die sie einbrachte. Er bog um Ecken, trat eilig in den weichen Schnee, der ohne Laut nachgab: schon schimmerten von fern, am Ende der Straße, die grellrötlichen Bogenlampen über dem Portal des Cinema. Er gebrauchte nie den gemeinen Ausdruck Kientopp, dem man es anhörte, daß er in Berlin gebildet war, noch auch das gespreizte „Kino" der Einheimischen —, nur das französische Wort, dieser helle schlagende Klang dreier glücklich geprägter Silben vermochte es, dem zauberisch Fremdartigen der Sache zu genügen. Er setzte im Laufen seine Brille auf, damit man ihn für einen Schüler halte und er der Ermäßigung teilhaftig werde, die man solchen für die teuren Plätze gewährte, und während er für dreißig Pfennige ein Billet erstand, zehrten seine Augen gierig von dem aufregenden Bild der dämonischen Mimin, in deren berühmtem blutlosem Antlitz zwei faustgroße Augen vampyrisch glühten. Er saß und schaute. Auf seinem Schoß lag still die kleine weiche Klara, das Kätzchen, verdeckt von dem Mantel, und gestreichelt von den unruhigen Händen, die sich beschäftigen mußten; den vom Nagen der bereits sehr kurzen Nägel empfindlich gewordenen Fingerkuppen tat das sanfte Fell sehr wohL Mitunter grub er einen kleinen Ball Korinthen aus seinem Taschenvorrat und schmeckte seine salzig beißende Süße; aber wenn die Kerne, klein und häufig, sich zwischen seinen hie und da zerfressenen Zähnen festsetzten, bedurfte es langen Saugens, und die Luft zirpte wie ein kleiner Vogel zwischen Zunge und Zahnfleisch, um ihn zu entfernen, so daß die Nebensitzen* den aufmerksam wurden; dann errötete Bremm im Dunklen, obwohl er eigentlich niemand störte. Im Halbschwarzen rund um ihn, in dem links zwei rote Lämpchen glimmerten, atmeten