Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 717

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Cinéma
Date
1914-03-31
Page
Seite 717 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119813-3121517--1294-3121592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

716 Arnold Zweig, Cinema blicken erleichtern durfte. Er aß, während Hitze und schlechte Luft auf ihn eindrangen und innen die Müdigkeit des Leibes und Geistes sein bewußtes Leben aushöhlten und zerfallen machten, und las ganz mechanisch die Annoncenseite der Zeitung durch, die der Vater ihm entgegenhielt, als Kehrseite des Textes, dem er selbst sich widmete. Und so lebtos war er und stumpf, daß er eine bestimmte Anzeige zweimal durchsah und ein drittes Mal begann, ehe er sie verstand. Eine „Duse" — wer von seinen Angehörigen verstand, was dieses Wort meinte? Sie alle nicht, diese Ungebildeten; er allein konnte damit den Sinn verbinden und wissen, daß so eine große französische Schauspielerin hieß, und daß man es „Düs'" auszusprechen hatte. Dann allerdings, als er begriff, was geschah, zog sich seine Seele jäh zusammen in einen Knoten von Ungeduld, Spannung und grellem Glück: also sie war zu sehen, er würde sie heute, heute abend noch sehen! Und er ließ, während er mühsam ein glückliches Lächeln unterdrückte, den Blick unverwandt auf jener Anzeige haften, die in geschwollenem und marktschreierischem Deutsch verkündete, daß die „Duse der Kinokunst" heute abend im Universum Bioskop-Theater spielen werde, auf einem Film, dessen gleichen die Welt nicht aufzuweisen hatte, in dem tieftragischen Monopoldrama „Jm Tode gesühnt". Er hatte kaum recht gegessen, kaum die erste Mattigkeit des Rückens und der Beine oberflächlich ausgeglichen, denen ein fast zehnstündiges Stehen noch immer nicht geläufig sein wollte, als er sich erhob und erklärte, er gehe noch fort. „Wohin?" fragte die Mutter; und er äußerte ironisch, er sei beglückt über so viel Teilnahme, er gehe eben fort; aber in ererbter Sklaverei fügte er hinzu, die Fahrt gehe vielleicht sogar ins „Universum". Und während die Mutter über seine Frechheit klagte, begab er sich, im Rücken bedroht von einem grimmigen Blick des Vaters, der wie stets in einem vernichtenden Achselzucken endete — denn er hatte es längst aufgegeben, diesen Patron zu erziehen —, eilig zum Kleiderhaken, zog seinen Mantel an, füllte froh die Tüte voll eines Klumpens kleiner schwarzer Rosinen, ungewaschener Korinthen, noch ungeöffnet in der Tasche — er hatte sie erstanden, als er nachmittags ins Geschäft ging, um sie beim abendlichen Lesen zu verzehren — schlüpfte in das dumpfe Schlafzimmer, in dem es lau, süßlich und ungelüftet roch, und das er mit seinem Bruder teilte, und hob aus einem schon aufgeschlagenen Bett ein schnurrendes, weiches Wesen, ein junges Kätzchen, das dort behaglich geschlafen hatte, seinen Liebling, dem er im Finstern sein blondes Fellchen und fast blaue, seelenvolle Augen anzusehen glaubte: er nannte es Klara. Nachdem er dafür die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.