Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Cinéma
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 716 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig, Cinema 715 oben in seinem Gesicht steht, einen überlangen Raum bis zur Oberlippe lassend; er weiß nicht mehr — sonst weiß er es — wie breit dieser Mund ist und wie kurz der Hals, auf dem der Kopf sitzt: er lächelt nur mit großen schwimmenden Augen von blassem Blau, und sieht sich in einem goldverbrämten Samtrock von besänftigtem Rot, den nackten Degen in der Hand, der soeben dem Gegner die Brust geöffnet hat, atmend, tapfer und glücklich, während die geliebte Gräfin den Sieger erwartet, schwach, mit wogendem Busen. Ach, es ist nicht gut, so süß zu träumen! Die Luft der Bremmschen Wohnung und besonders die des Zimmers, in dem sie lebten und speisten, war gesättigt von verdrängter Feindseligkeit und schwer von dem süßlichen Gerüche des eben gegessenen Gerichts, weißen Krautes, das mit Reis und etwas Zucker zusammengekocht wurde, und das ein bißchen fade roch und schmeckte. Der Postbeamte Bremm saß rauchend hinter der Zeitung, eine alte Litewka aufgeknöpft über dem wollenen Hemd; die Mutter, lang und hager, machte dem Ankömmling Vorwürfe, daß das schöne Essen kalt werde, in einem weinerlichen Ton und immerzu strickend, wobei sie mit leerem, von Arbeit erschöpftem Blick in eine Ecke sah, wo sie nichts Sichtbares fesseln konnte, wenn nicht die grauen Spinnweben unter der Decke; und sein jüngerer Bruder las in befleckten grünen Heften, die das romantische Geschick des Heinrich Anton Leichtweiß, berühmten und heldenmütigen Räubers, bis zur zweitausendvierhundertsten Seite hinzogen . , . Man sprach nicht miteinander; einer machte dem anderen durch seine bloße armselige Gegenwart den Vorwurf, daß man es „im Leben" zu nichts gebracht habe, daß er ihn behindere und unten hielte, und daß man, allein, ein ganz anderer Kerl geworden wäre. Benno fühlte sich vernichtet und gab sich verloren. Nie hatte er einen roten Samtrock getragen, noch würde er es je; zu diesen Leuten gehörte er, die ihn haßten, weil er kaum Geld verdiente, und daheim stets in den Büchern „schmökerte", und die jedermann unterirdisch oder auch bewußt beschimpften, der reicher, glücklicher, edler war als sie. Daß es warmes Essen gab, machte sein Unglück vollkommen; denn nun konnte er nicht, wie er es sonst tat, lesen und sein Abendbrot verzehren, wobei er zugleich das Glück der Entrückung hatte und das des schwer arbeitenden Magens, der sich langsam mit Mengen schlecht gekauten Brotes füllte, gemischt mit Schweinefett und billiger Wurst, und der sich manchmal mit üblen Gerüchen Luft schaffte, was nur darum nicht auffiel, weil es ihnen allen gleich erging. Ja, auch in dieser Ungebundenheit lag ein kleines Glück, da er sich tagsüber im Geschäft nur in erschlichenen Augen-