Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Cinéma
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 715 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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714 Arnold Zweig, Cinema sie überhaupt noch, diese Blondgezopften, Hübschen, die da rotbäckig und übermütig mit den neugeschenkten Schlittschuhen klirrten? Ach, er wollte doch noch irgendwie „dazu" gehören, auch seit er, der blauen Mütze verlustig, ihnen hinter dem Ladentisch die eben erstandenen Schulbücher einpackte* bis zu den Haaren errötet und mit behinderten Fingern. Dann griff ihm seine beschämende Erniedrigung aus der Brust hinauf in den Schlund, mit würgender Faust, würgende Bitternis, und er verdrängte nur aus Trotz ein verzweifeltes Weinen. Ja, es blieb tröstlicher, diese schlecht gedruckten Bände hier, die er mit angstvollem und berauschendem Herzklopfen in der Brusttasche seines Mantels spürte — denn der Erwerb konnte nicht rechtmäßig geschehen, diese Welt war vielmehr so eingerichtet, daß man sich das bißchen Glück entwenden mußte, seinem Chef stehlen, wenn man so will, der eine Buchhandlung besaß ohne all ihre Schätze wert zu sein — diese Reclambücher aufzuschlagen und zu sehen, was aus den tapferen und galanten Kavalieren geworden war, diesen Frauenhelden und Duellanten, aus d'Artagnan, den er das vorige Mal als Leutnant verlassen hatte, Leutnant im ersten Regiment der Welt, den Grand- Mousquetairs Seiner katholischen Majestät Ludwigs XIIL . . . und vor allem aus Athos, dem Grafen, diesem vornehmen und melancholischen Soldaten. An ihnen hatte er Freude, zu ihnen gehörte er, und wenn sie vor ihm, ja eigentlich für ihn ihre Abenteuer bestanden, so gab es kein Morgen mehr und gar keine Misere. Man mußte nur gleich die Lampe löschen und den glühend schweren und taumelnden Kopf ins Kissen drücken und in den Schlaf fallen, der so nötig war, in den dumpfen und heillosen Schlaf nach der Ausschweifung — gesetzt, daß man nicht absichtlich noch wrach blieb, um ein bißchen im Wachen zu träumen, daß man schön sei, tapfer und geliebt, eine Handlung fortzuspinnen, die viele Nächte hindurch vorhielt, ein unterirdisches und verzaubertes Dasein voll Glanz unter dem fahlen Gram der Tage, und die jede Nacht einmal gipfelte, wenn seine Hand unter dem schweren Deckbett nach Süße suchte und Süße fand, auf die freilich jede Nacht Verzweiflung folgte und das Gelübde, nie mehr, nie mehr . . Benno Bremm, lang aufgeschossen, zu kurz gekleidet und achtzehnjährig, geht schnell und töricht lächelnd seines Weges. Er hat vergessen, daß er bleich und übernächtigt aussieht, daß seine Augen einen schmalen roten Rand und seine Wangen häßliche Gruben haben; er hat noch tiefer vergessen, wie groß und abstehend seine Ohren sind, wie gelb seine Zähne, und daß seine kleine Nase, in deren Sattel der Bügel der Brille einen roten Streifen gedrückt hat, aufs allerkomischeste hoch