Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 697 (sequence 22)
- Language
- German
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696 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus Aufgabe und des Kampfes, die unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich lenken. Daß in den Vorstellungen der jüdischen Antike nicht die einzelne Person als solche, sondern der Begriff der Nation als Ganzes eine zentrale Stellung einnimmt — dieser Umstand darf uns bei unseren Betrachtungen nicht sonderlich stören. Wissen wir doch, daß dem antiken Denken überhaupt der Begriff der Gruppe bei weitem geläufiger und vertrauter ist, als der der einzelnen Person mit all ihren individuellen Aspirationen und Willensbestrebungen* Uebrigens läßt sich alles, was von der ganzen Nation als solcher gedacht und konzipiert wird, sehr leicht auf das einzelne Individuum übertragen. Aus einer derartigen Uebertragung von dem Ganzen auf das Einzelne, von der Gesamtheit auf die Person sind die christlichen Grundbegriffe der Schuld, Sühne und Erlösung entstanden. Wichtig für uns in diesem Zusammenhange ist der ideale Inhalt, der in den Begriff der Nation hineingelegt wird, und dieser Inhalt weist auf solche Tendenzen hin, die eine wahrhaft universelle Bedeutung erlangen. Vor allem ist es die Tendenz, den Menschen aus seiner Versenktheit in das Sein der äußeren Natur herauszulösen, die hier besonders scharf hervortritt Die äußere Natur spielt überhaupt in den Anschauungen des antiken Judentums eine recht nebensächliche und subalterne Rolle. Nicht zu herrschen über den Menschen ist sie da, sondern umgekehrt, uhm zu dienen. Die Suprematie des persönlichen Moments, seine Selbständigkeit gegenüber dem natürlichen Faktor wird auf diese Weise proklamiert und zu gleicher Zeit die Bahn vorgezeichnet, in der sich der menschliche Geist zu entwickeln hat. Es ist schon längst bemerkt worden, daß geschichtliche Betrachtungen das Denken des antiken Judentums und ganz insbesondere das des Prophetentums stark in Anspruch nehmen. Dieses Interesse an den Schicksalen des Menschen, diese Eingestelltheit auf das Moment des Persönlichen, diese Abgestimmtheit auf das Wohl und Wehe des menschlichen Lebens — dies alles ist gewiß keine zufällige Erscheinung. Es zeugt von einem Geiste, dem der bewußte Wille der Person bei weitem mehr gilt, als der blinde Wille der äußeren Natur, der den ersteren zu verschlingen strebt. Zum erstenmal erlangt das Moment des Willens in der Welt der Antike diese einschneidende und ausschlaggebende Bedeutung, Es ist eine bewährte psychologische Erkenntnis, die zu den festesten Befunden der Wissenschaft gezählt werden darf, daß der eigentliche Wille im Unterschied von bloßem Trieb erst mit dem Momente entsteht, wo die Person sich vor einer Wahl sieht, und das Bewußtsein dieser Person in dem Prozesse des Wählens begriffen ist. Und das Moment der Wahl steht im