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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 696

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Vom moralischen und künstlerischen Typus
Date
1914-03-31
Page
Seite 696 (sequence 21)
Language
German
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IRI
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 695 dem ursprünglichen Wesen des Christentums nicht zu harmonieren schienen. Noch weniger konnten wir auf all jene verkehrten Gedankenbildungen und Theorien Bezug nehmen, die aus der widernatürlichen Verbindung der christlichen Idee mit den staatlichen Institutionen entstanden sind. An der Fratze des Christentums hatten wir nicht das geringste Interesse, sondern einzig und allein an seinem wahren Gesicht, dessen dominierenden Zug wir möglichst getreu zu erfassen und zu fixieren bestrebt waren. Und diesen Zug erblickten wir in der eifrigen Tendenz der christlichen Idee, das persönliche Leben des Individuums immer im Flusse zu halten, ihn nicht durch von außen kommende Maximen und Urteile in seinem freien Laufe zu hemmen, sondern durch ein schmiegsames Verstehen sich mit ihm zu verschmelzen zu suchen* Daher mußte die christliche Idee den Akt des Verurteilens, ja des Beurteilens überhaupt ausschalten. Jedes Verurteilen ist ein Verantwortlichmachen für ein bereits Geschehenes oder gegenwärtig Geschehendes, jedes solches Verantwortlichmachen aber will das Leben der Person an irgendeinem Momente in der Zeit festnageln, indem es die Person zu einem Objekte, zu einer Materie des Urteils erstarren läßt Dagegen sträubt sich die christliche Idee. Wer wird wohl den Mut haben zu bestreiten, daß eine derartige Auffassung vom Wesen des Persönlichen ein ungeheurer Gewinn und ein Fortschritt ist? Wir sehen aber in diesem ewigen Mitfließenwollen eine vorwiegend künstlerische Tendenz, die ebenfalls ausschließlich von Mitempfinden und Miterleben beseelt wird. Wir finden, daß es eine rein künstlerische Art ist, sich vom Strome des Persönlichen tragen zu lassen, ohne sich dabei zu fragen, wo er hinaus will, und welche Zwecke er verfolgt. Und wir meinen, daß dieses Mitfließen wohl einen Zweck und eine Aufgabe habe, die Aufgabe nämlich, alle individuell vereinzelte Ströme zu einem einzigen mächtigen Strom zu vereinigen, um ihn gegen den des blinden Naturgeschehens zu wenden. Die Vorstellung von einer derartigen Aufgabe vermissen wir in der christlichen Anschauung, und wir müssen auf das alte Testament zurückgreifen, um die ersten Anzeichen einer solchen zu entdecken. Natürlich dürfen wir in der ursprünglichen Konzeption des antiken Judentums den vollständig ausgereiften Begriff der moralischen Forderung nicht suchen. In dieser ursprünglichen Konzeption wird ein vollendetes, abgeklärtes System der Moral ebensowenig zu finden sein, wie in den Lehren des Evangeliums eine deutlich ausgeprägte künstlerische Weltanschauung. Aber die Bausteine zu einem solchen System sind sicherlich dort enthalten. Und vor allem sind es die Begriffe der Forderung, der

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