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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 698

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Vom moralischen und künstlerischen Typus
Date
1914-03-31
Page
Seite 698 (sequence 23)
Language
German
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 697 Mittelpunkte des jüdischen Denkens. Die Gesamtheit hat sich aus freien Stücken ihren Gott gewählt und damit ihren freien Willen kundgetan. Diese Wille geht seine eigenen Wege, die sich von denen der äußeren Natur in radikaler Weise unterscheiden. Aber jede Wahl führt eine Aufgabe mit sich. Die geistigen Vertreter der jüdischen Antike stellen den einzelnen Menschen der Gruppe vor gewisse sittliche Forderungen, die sich in den ersten Entwicklungsstadien auf rein völkische Ziele beziehen mögen, die sich aber nach und nach von der Befangenheit in nationalen Interessen emanzipieren und auf die einzelne Person übertragen werden. Das antike Judentum bekundet ein reiferes Verständnis für die menschliche Natur, als es mit dem späteren Christentum der Fall ist. Es versteht, daß man der bodenlosen Verlogenheit und Verdorbenheit dieser Natur gegenüber wirk* samere Waffen handhaben muß, als eine bloße Predigt der Liebe. Es steckt gewiß ein harter, pessimistischer Zug darin. Aber von diesem Zuge muß jede echte Moralität getragen werden. Es ist ein großzügiger, hoher moralischer Sinn, der sich in den Worten kundgibt: Und Gott bereute, daß er den Menschen geschaffen hatte. So haben die Verfasser der Sündflutlegende die moralische Forderung verstanden. Nicht anders die Propheten. Uebrigens haben wir diesen glatten Optimismus, den eine morsche und entartete Judenheit den antiken Anschauungen des Judentums andichten will, dort nirgends entdecken können. Es liegt uns daran, die echten Züge Israels zu fixieren; die Fratze Israels geht uns hier nicht an. Welches sind nun diese echten Züge? Forderung, Aufgabe und Kampf. Nur diese ursprüngliche Entzweiung vermag erst die wahre Vereinheitlichung herbeizuführen. Der vereinheitlichende Gedanke des antiken Judentums hat eine rein soziale, keine kosmologische Grundlage. Die einzelnen Individuen sind in einer gemeinsamen psychischen Substanz verankert, die von der äußeren Natur grundsätzlich unterschieden ist. Daß eine bestimmte Gemeinschaft ursprünglich zur Trägerin dieser Substanz gemacht wird, darf uns, wie bereits oben gesagt, nicht irreleiten. Wir können deutlich beobachten, wie das Denken des Judentums Schritt für Schritt diese Substanz verallgemeinert, universalisiert und auf dem Wege ist, ihr die richtige Bedeutung zu verleihen. Wir dürfen uns nicht von dieser oder jener historisch bedingten Anschauung leiten lassen, sondern müssen den philosophischen Kern aus der historischen Umhüllung herausschälen. Der philosophische Sinn der christlichen Idee hat sich uns als ein vorwiegend künstlerartiges Mitgehen mit der Person, der philosophische Sinn der jüdischen als eine strenge Forderung an diese Person herausgestellt

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