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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 695

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Vom moralischen und künstlerischen Typus
Date
1914-03-31
Page
Seite 695 (sequence 20)
Language
German
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IRI
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694 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus nichts anderes als der Ausdruck für das Verzichtleisten auf das Verurteilen. Nur wenn die Person aus eigenem Antriebe sich in ein Urteil fügt, kann von der Beeinflussung ihrer seitens des Urteilenden gesprochen werden. Die christliche Anschauung greift bedeutend tiefer als das bloße künstlerische Nachempfinden, das Sich-Hineinleben in den Geist der fremden Person, aber immer noch nicht tief genug, um aus einem rein künstlerischen Betrachtungskreise ganz herauszugehen. Das Problem der einzelnen geistigen Person in ihrer Gegensätzlichkeit zu ihrem bloß physischen Sein wird hier mit einer nichts zu wünschen übrig lassenden Präzision und Schärfe erkannt, das Problem des Persönlichen als solchen dagegen in seiner Gegensätzlichkeit zum Natürlichem als solchem ist hier noch in völliges Dunkel gehüllt. Der Schnitt, der hier zwischen Person und Sein gemacht wird, ist, bildlich gesprochen, nicht transversaler, sondern 1 o n g i t u d e - naler Art, er hebt jedesmal von neuem mit der einzelnen Person an, bleibt immer bei derselben stehen und umfaßt nicht mit einem einzigen kräftigen Griff alle möglichen persönlichen Willenszentren. Solange aber das Moment des Persönlichen aus dem undifferenzierten Chaos des passiven indifferenten Seins nicht herausgegriffen und als ein selbständiges Prinzip für sich hingestellt wird, solange nicht die beiden Momente, das des Persönlichen und das des Seins, in ihrer absoluten Gegnerschaft erkannt werden, solange die Sympathie mit der fremden Person nicht in eine Forderung ausmündet, solange wird die ethische Tenden;- aus dem Stadium der bloß künstlerischen Betrachtungsweise nicht herausgehen. Sympathie liegt ja an der Wurzel alles künstlerischen Empfindens, aber diese Sympathie schließt ja die Liebe zu den bösen, zerstörenden Mächten der Natur aus, die immer auf dem Sprunge sind, das Persönliche zu verschlingen. Auch die christliche Anschauung zeigt eine ganz deutliche Neigung zu einer derartigen künstlerischen Passivität und Indifferenz. Man beginnt damit, sich in das Leben der fremden Person hineinzufühlen, sich jeder Beurteilung ihrer Lebensäußerungen zu enthalten, und endigt damit, mit dem Bösen Frieden zu schließen und seine Anmaßungen anzuerkennen. Nicht ohne Absicht legten wir immer den Nachdruck auf den reinen Gehalt der christlichen Idee in seiner Unabhängigkeit von allen kulturellen Ingredienzien, die sich im Verlaufe der Entwicklung um den Kern des Christentums angesammelt haben. Dieser Kern aber liegt in den Lehren des Evangeliums klar vor aller Augen. Von all den verschiedenen theologischen Aus* gestaltungen und Verunstaltungen der christlichen Grundlehren dagegen haben wir überall Abstand genommen, da sie uns mit

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