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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 694

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Vom moralischen und künstlerischen Typus
Date
1914-03-31
Page
Seite 694 (sequence 19)
Language
German
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IRI
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 693 sache, daß ersteres damit nicht aufhört zu wollen, und zwar in derselben absoluten Weise wie früher. Wollen aber ist das psychische Gegenstück der physischen Bewegung, und diese psychische Bewegung entschlüpft naturgemäß allen Schranken und Fesseln, die von außen her an sie herangebracht werden. Weil die psychische Energie erfahrungsgemäß in ebenso unbegreiflicher wie fataler Weise an die materielle gebunden ist, so kann hier die zwiefache Erscheinung beobachtet werden: während das individuelle Willenszentrum einerseits das Schicksal aller materiellen Energien teilt, bewahrt es doch anderseits sein zentrales Streben unversehrt. Daher der Unterschied zwischen Macht und Wert: der Begriff der Macht geht von dem des physikalischen Gleichgewichts aus und bezeichnet den Grad des Kraftüberschusses, der nötig ist, um eine Bewegung einzuleiten und sie in der Richtung der intensiveren Energie weiterzuführen. Was den Begriff des Wertes anbetrifft, so fällt es allerdings schwer, seine positiven Merkmale mit Bestimmtheit anzugeben, wiewohl es keinem Zweifel unterliegen kann, daß durch ihn etwas ganz Bestimmtes gemeint wird. Und zwar wird durch ihn vor allem der genaue Gegensatz zur physikalischen Energie gemeint. Er besagt vor allem, daß überall da, wo es sich um ein individuelles Willenszentrum handelt, wir es mit einer absoluten Beweglichkeit zu tun haben, die durch keine andere Gegenbewegung in ihrem Flusse gehemmt zu werden vermag. Genauer besehen, enthält der Begriff des Wertes den der Absolutheit. Darin ist unseres Erachtens der philosophische Kern der Vergebung erhalten, die in der von allen historischen Zutaten gesäuberten christlichen Anschauung eine so eminente Rolle spielt. Diese Idee bringt keineswegs einen positiven Inhalt zum Ausdruck; sie besagt bloß, daß überall da, wo die lebendige Person im Spiele ist, kein Urteilen und Verurteilen am Platze ist, daß alle meine Urteile sich auf diese Person naturgemäß nicht anwenden lassen. Sie bedeutet bloß, daß all mein Urteilen und Verurteilen den geistigen Kern der lebendigen Person gar nicht zu treffen vermag aus dem einfachen Grunde, daß die lebendige Person niemals Objekt und folglich niemals Objekt eines Urteils werden kann. Dadurch, daß mein Wille über diese oder jene Person den Stab bricht, sie verurteilt und verdammt, hört doeh der Wille der verurteilten Person nicht auf zu wollen, wenn aber der Wille dieser fremden Person durch den Machtspruch meines Urteils nicht zum Stillstand gebracht werden kann, so ist nichts geschehen, und alles bleibt wie zuvor. Ich muß vergeben, weil ich überhaupt nicht verurteilen kann, oder richtiger gesagt — die christliche Vergebung ist

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