Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 693 (sequence 18)
- Language
- German
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692 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus begreifen läßt und keineswegs äußerlicherweise bestimmt werden kann. In jedem Fragmente einer krummen Linie liegt schon das Streben nach einem Zentrum, aber es wäre ein vergebliches und fruchtloses Unternehmen, diese Zentrapetalität genau angeben zu wollen, das will sagen, ausfindig zu machen, wo, in welchem Punkte die zentrale Aspiration der Krümmung eigentlich stecken mag. In keinem Punkte der Krümmung kann diese Zentripetalität enthalten sein, denn dem Punkte als solchem ist es gar nicht anzusehen, ob er einer krummen oder geraden Linie angehört Die Zentralität läßt sich nachempfinden, aber nicht äußerlicherweise bestimmen. Von einer derartigen unfixierbaren Zentralität ist der ganze Inhalt des individuellen Lebens getragen. Es ist eine fortwährend fließende Beweglichkeit, die sich sehr gut nacherleben läßt, die aber sofort erstirbt, sobald wir den Versuch machen, sie in bezug auf eine Maxime zu bestimmen, ebenso wie die Krümmung einer geraden Linie erstarrt, sobald wir den einen Punkt der ersteren mit einem nächsten anderen derselben Linie in Verbindung setzen. Aus der kreisförmigen Geschlossenheit des persönlichen Lebens folgt mit Notwendigkeit seine Unbestimm- und Unfixierbarkeit, wir meinen damit das notwendige Mißlingen aller Versuche, das persönliche Leben des Individuums irgend welchem Urteile zu unterwerfen, das von einem außenstehenden Beobachter von außen her an dieses Individuum herangebracht wird. Was wir auch über das psychologische und logische Wesen des Urteils sonst denken mögen, soviel steht jedenfalls fest, daß das Objekt des Urteils irgendwie bestimmt und fixiert werden muß, ehe es in den Prozeß des Urteilens eingeht Die inneren Tendenzen des persönlichen Lebens lassen sich aber ebensowenig bestimmen und fixieren, wie der schöpferische Schwung, der der Bildung einer Kurve zugrunde liegt. Diese Unfaßbarkeit des persönlichen Lebens wollen wir übrigens auf anderem, mehr konkretem Wege dem Bewußtsein des Lesers näher bringen. Der fixe Punkt kann gewissermaßen als die Grenze der Bewegung angesehen werden und entsteht naturgemäß jedesmal, wenn zwei Bestrebungen materieller Natur von gleicher Stärke und entgegengesetzter Richtung miteinander zusammentreffen und sich gegenseitig hemmen. Diese allerdings relative Hemmung der Bewegungsäußerungen, die auf dem Gebiete der physischen Energien zu den alltäglichen Erscheinungen gehört, bleibt für die Sphäre der rein seelischen Mächte ebenso naturgemäß ausgeschlossen. Denn wenn es allerdings Tatsache ist, daß das eine individuelle Willenszentrum durch das andere verhindert werden kann, sich in äußere Bewegungen und Handlungen zu entladen, so bleibt es doch eine nicht minder feststehende Tat-