Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 692 (sequence 17)
- Language
- German
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 691 logisch ist, indem sie auf der Grundlage der Natur das Reich des Persönlichen zu errichten sucht» ist die Kunst bloß transbiologisch, indem sie die Lebensphänomene von einem Gesichtspunkt behandelt, der jenseits aller rein biologischen Bewertungen zu liegen kommt. Daß die Bedeutung des Persönlichen im rechten Mittelpunkt der christlichen Idee steht — dies ist eine über jeden Zweifel erhabene Erkenntnis, die sich immer mehr in unserm Bewußtsein befestigt, immer greifbarere Gestalt gewinnt und immer schärfere Konturen annimmt, in dem Maße, als wir den inneren Kern der christlichen Anschauung aus ihren historischen Umhüllungen herausschälen. Diese Bedeutung aber bewegt sich eher in einer künstlerischen, als in einer eigentlich moralischen Ebene, denn die scharfe Betonung des persönlichen Moments im Gegensatz zum natürlichen Faktor, die schroffe Gegenüberstellung des persönlichen Wertes dem natürlichen Sein, die den Lebensnerv der moralischen Forderung bildet, und die notwendig im Bewußtsein des Individuums erwachen muß, sobald sich letzteres dagegen zu wehren beginnt, im Strome des natürlichen Geschehens unterzugehen, und vor allen Dingen diese herausfordernde und trotzige Gebärde, die der Physiognomie des moralischen Typus einen harten, revolutionären Zug aufprägt — dies alles vermissen wir in der Grundanschauung des Christentums, das eher auf eine Versöhnung und einen Ausgleich als auf einen Kampf ausgeht. Während die echte moralische Bestrebung einzig und allein darum besorgt ist, alle die einzelnen und verstreuten Lebenspunkte zu einem einzigen mächtigen Zentrum zusammenzuziehen, um es gegen die despotische Anmaßung der blinden Naturmächte auszuspielen, wobei das Mitfühlen mit der fremden Person und dem fremden Leben überhaupt nur eine nebensächliche und provisorische Rolle spielt, nimmt dieses Mitfühlen in der christlichen Anschauung eine zentrale, ausschlaggebende Stellung ein. Allerdings ist das Mitfühlen die nötwendige Voraussetzung der moralischen Bewertung, aber solange letztere beim Mitfühlen stehen bleibt und keine weiteren Zwecke verfolgt, geht sie aus dem Stadium der künstlerischen Betrachtungsweise nicht heraus. Freilich hat dieses künstlerische Nachempfinden in der christlichen Idee eine etwas tiefere Wurzel, als es der Fall mit der gewöhnlichen künstlerischen Betrachtungsweise ist, denn dieses Nachempfinden geht aus einem tiefen Einblick in das innere Wesen der menschlichen Persönlichkeit hervor. Für die christliche Anschauung bildet nämlich die menschliche Person einen in sich geschlossenen Kreis, der sich nur von innen heraus