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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 691

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Vom moralischen und künstlerischen Typus
Date
1914-03-31
Page
Seite 691 (sequence 16)
Language
German
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IRI
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690 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus Natur, die macht, daß dieses Individuum in sich selber, in seinem eigenen Bewußtsein den Schwerpunkt alles Persönlichen erblickt, und daß ihm das Mitindividuum als äußeres Objekt erscheint, daß es ebenso zu bekämpfen gilt, wie jeden anderen Bestandteil der Umgebung. Die Tücke der äußeren Natur bewirkt es, daß das Prinzip des Persönlichen sich in eine Vielheit einzelner Individuationen spaltet, von denen jede einzelne an die andere van außen herantritt, jede einzelne die andere als etwas Fremdes und Aeußeres betrachtet, das es ebenso zu absorbieren und sich einzuverleiben gilt wie jede andere rein äußerliche Kraft — die Tücke der Natur bewirkt dies, um durch diesen gegenseitigen aufreibenden Kampf das Persönliche als solches zu schwächen und ungefährlich zu machen. Die eigentliche moralische Forderung erwacht erst im Bewußtsein des Individuums mit dem Moment, wo letzteres diese Tücke zu durchschauen und dagegen zu protestieren beginnt. Indem die Person einen hohen moralischen Akt vollzieht, tut sie es weder aus Berechnung noch aus Sympathie, noch aus Mitleid, noch aus Gehorsam gegen ein überpersönliches Gebot, sondern einzig und allein, um zu zeigen, daß man sich durch die Kniffe der Natur nicht betören läßt, und daß man erkannt hat, daß auch das fremde Individuum eine ebensolche Manifestation des Persönlichen wie das eigene darstellt. Von dem scharf empfundenen Dualismus zwischen Persönlichkeit und Sein geht die moralische Forderung aus, aber dieser Dualismus ist es gerade, der in dem Bewußtsein des moralischen Individuums den Trieb zur Vereinheitlichung wachruft, indem er die von der Natur aufgerichtete Scheide)wand zwischen Person und Person niederzureißen strebt. Damit ist das Verhältnis von Moral zur Kunst scharf gekennzeichnet. Auch die Kunst sucht die Person von ihrer biologischen Gefangenschaft zu befreien, indem sie diese Person auch solche Phänomene als wertvoll empfinden läßt, die letztere als ein um seine Erhaltung kämpfendes Lebewesen unbedingt verwerfen muß. Allein diesen Zweck vermag die Kunst nur dadurch zu erreichen, daß sie alle Lebensphänomene auf das Niveau der passiven Indifferenz und Gleichwertigkeit herabdrückt, demjenigen nicht unähnlich, auf dem auch die unbelebte Natur verharrt, und insofern kann man sagen, daß die Kunst die Vernatürlichung des Lebens anstrebt. Für die künstlerische Betrachtungsweise hat eben alles Leben Bedeutung. Die Moral dagegen wendet sich mit ihrer Spitze gerade gegen das Prinzip des Natürlichen, das keineswegs gesinnt ist, die Prävalenz des Persönlichen anzuerkennen und die unaufhörlich daran arbeitet, das Persönliche in das passive indifferente Natursein aufzulösen. Während die Moral superbio-

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