Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 690 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119813-3121514--1263-3121565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 689 und persönlichen. Die moralische Forderung ist hier nicht ein Ausfluß der freien persönlichen Entscheidung, wie es auch in der Wirklichkeit empfunden wird, sondern lediglich der Machtspruch eines über alle Empirie erhabenen anderweitigen Prinzips, welches in das Persönliche zwar hineinspielt, seine eigentlichen Wurzeln aber irgendwo anders haben muß. Gegen Spinoza heben wir hervor, daß die Freiheit der Person etwas mehr als der blasse Ausdruck eines sich selbst überlassenen Wesens ist, das keine Einschränkung von irgendeinem äußerlichen Faktor erfährt. Gegen Kant machen wir geltend, daß diese Freiheit in den ganz persönlichen und empirischen Willenbestrebungen wurzelt und nicht in einem reinen überpersönlichen Willen,das über den individuellen Willensimpulsen schwebt. Gegen Spinoza heben wir hervor, daß wenn in den Begriff der Notwendigkeit der passive Akt des Bestimmt- und Ueberwundenwerdens als wesentliches Merkmal eingeht, in den Begriff der Freiheit dementsprechend als adäquates Gegenstück der Akt des Bestimmens und Ueberwindens als ebenso wesentliches Merkmal eingehen muß; gegen Kant machen wir geltend, daß wenn die Freiheit der Person in einem reinen, überempirischen und überindividuellen Willen enthalten sein soll, dieser überindividuelle Wille der Person ebenso übergeordnet, heteronom und äußerlich erscheinen muß wie jeder andere äußere Zwang, und daß auf diesem Wege die Freiheit nicht zu ihrem Rechte kommt. Dem allen gegenüber halten wir einerseits an der Behauptung fest, daß der freiheitliche Impuls sich nur an dem Ueberwinden eines äußeren Widerstandes entzünden kann, und anderseits, daß das Zentrum dieses freiheitlichen Impulses mit dem der empirischen Person zusammenfällt. Dieses Zentrum der Person weicht aber von dem der äußeren Natur in radikaler Weise ab; der Wille der Person ist nicht derjenige der Natur, und die Gesetze der Person sind nicht diejenigen der Natur. Die Lebenskraft der Person sucht die Kräfte der äußeren Natur zu absorbieren und in den Ausdruck ihres eigenen Wesens zv verwandeln. Die Gesetzlichkeit der äußeren Naturkräfte verhält sich indifferent gegen diese Aspirationen der Person, und schließlich sucht sie ihrerseits die letztere in die Bestandteile der toten Natur aufzulösen. In diesem Kampf zwischen zwei entgegengesetzten Gesetzlichkeiten spielt sich das ganze Leben der Person ab. In diesem persönlichen Zentrum ist das Embryo der moralischen Forderung zu suchen, aber freilich nur das Embryo, denn solange das einzelne Individuum einzig und allein darum besorgt ist, seine eigene Individualität im Kampfe ums Dasein aufrechtzuerhalten, dient es lediglich den Zwecken der äußeren