Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 688 (sequence 13)
- Language
- German
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 687 etwas zu tun oder zu lassen, indem sie es also zur Ausführung einer realen Bewegung oder zur Unterdrückung einer solchen auffordert, macht sie ihren Eingang in das Reich der Freiheit. Daß die freie Wahl und die spontane Initiative die unerläßliche Bedingung für jegliche moralische Forderung abgibt — dies ist eine alte Erkenntnis, die von verschiedenen Seiten und zu wiederholten Malen mit mehr oder minder Nachdruck, mit mehr oder minder Glück zum Ausdruck gelangte. Der Begriff der Freiheit aber hat in mancher metaphysischen Konzeption, die auf das philosophische Denken sich von mächtigem Einfluß erwiesen eine dem wirklichen Tatbestande nicht entsprechende Deutung erfahren, und dieser Umstand hat nicht wenig dazu beigetragen, das Verständnis für den wahren Charakter der Freiheit zu trüben. Und zwar ist die erste Verwirrung in dieser Beziehung von einem der gewaltigsten Einheitsdenker aller Zeiten, von Spinoza nämlich, ausgegangen, der die berühmt gewordenen Definitionen der Freiheit und der Notwendigkeit gegeben, wonach ein Ding frei zu nennen sei, „das vermöge der Notwendigkeit seiner eigenen Natur existiert und bloß durch sich selbst zum Handeln bestimmt wird", und ein Ding „notwendig oder vielmehr gezwungen heiße, das von einem anderen bestimmt wird, auf eine gewisse und bestimmte Weise zu existieren und zu wirken". Diese beiden Definitionen stehen in keinem richtigen Verhältnis zueinander, da hier die Definition der Freiheit keinen richtigen Gegensatz zu der der Notwendigkeit bildet. Denn wenn die Notwendigkeit oder richtiger Gezwungenheit irgendeines Dinges darin bestehen soll, daß dieses Ding durch irgendein anderes bestimmt wird, so müßte konsequenterweise die Freiheitlichkeit eines Dinges darin bestehen, daß letzteres seinerseits auf ein anderes bestimmend wirkt. Wenn also die Formel der Notwendigkeit bei Spinoza lautet: notwendig sei ein Ding zu nennen, das durch ein anderes b e * stimmt wird, so müßte entsprechenderweise die Formel der Freiheit lauten: frei sei ein Ding zu nennen, das seinerseits ein andere bestimmt Daß Spinoza in seiner Definition der Freiheit von dem Verhältnis des Dinges zu sich selber spricht, ist wiederum ein Umstand, der keineswegs geeignet ist, die Situation aufzuklären, denn dadurch wird der Schein erweckt, als handle es sich um einen positiven Akt des Selbstbestimmens, während hier bloß die Negation der Bestimmung, die vollständige Abwesenheit jedes Zwanges von außen her gemeint wird. Die spinozistische Formel hat bloß einen rein negativen Wert, indem sie das Nicht-Sein irgendeines Bestimmtwerdens seitens eines äußerlichen Faktors, aber nicht das Sein irgendeiner positiven Betätigung von innen her ausdrückt, was sofort