Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 687 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119813-3121514--1260-3121562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
686 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus_ ^HMMR^MMMMUMBWW^p—^>-WMMMl^» dieses Leben ist jeder biologischen und moralischen Differenzierung bar, denn für die künstlerische Betrachtung liegen die Manifestationen des Lebens in einer einzigen Ebene, wo jeder von ihnen der gleiche Wert wie der anderen zukommt, die heldenmütige Tat eines Heiligen neben der grauenerregenden eines abgefeimten Bösewichts, die Segnungen des Friedens neben den Verheerungen des Krieges — alles findet in der dichterischen Seele einen lebendigen Nachhall, für alles findet er begeisterte Worte, wenn es eben ein echter Künstler ist, der sich dem Zuge seiner eigenen Phantasie überläßt und anderweitigen Rücksichten und Tendenzen nicht nachgeht. Für die moralische Bewertung des Daseins dagegen ist der Dualismus von Gut und Böse, ja der Dualismus überhaupt eine unerläßliche Bedingung, da die prinzipielle Trennung zwischen Persönlichkeit und Sein der ganzen moralischen Stellungnahme zugrunde liegt. Die künstlerische Bewertung ist im Grunde ihres Wesens passiv und konservativ, da es der Künstler nur mit solchen Gemütsbewegungen zu tun hat, die der Prozeß des Schauens in seiner Seele auslöst; jedes Schauen aber hat die Vergangenheit zu seinem Objekt, denn wenn auch das Schauen sich auf das Zukünftige richtet, so kann es der Künstler nur unter dem Gesichtswinkel des Gewesenen sehen, da er dieses Zukünftige nur nach dem Muster seiner Erinnerungsbilder zu konstruieren vermag; und wenn der Künstler dabei schöpferische Impulse entwickelt, so beziehen sie sich nicht auf den Gegenstand seiner Behandlung, der durch die künstlerische Inspiration nicht getroffen wird, sondern lediglich auf die äußere Gestaltung dieses Gegenstandes. Nur die reale Bewegung allein vermag etwas Neues zu bringen, indem sie etwas auszuführen hat, was vorläufig noch nicht gegeben ist; der Künstler aber hat es immer mit dem Gegebenen zu tun. Zwar gibt die Kunst keineswegs die Lebensphänomene einfach wieder, sondern weckt im Bewußtsein des Subjekts das Gefühl für die Bedeutung der letzteren, aber dieses Gefühl bewegt sich immer innerhalb des gegenwärtig Seienden und Gewesenen aus dem einfachen Grunde, daß der Schauende niemals mit der eigentlichen Zukunft in Berührung gelangt. Alles Seiende ist aber mit dem Charakter des Notwendigen behaftet, denn alles, was geschieht oder einmal geschehen ist, kann unmöglich wieder ungeschehen gemacht werden, und von diesem Standpunkt aus betrachtet, kann man sagen, daß die Kunst sich im Reiche der Notwendigkeit bewegt. Es besteht aber nicht die mindeste Notwendigkeit, daß etwas geschehen soll, und hier ist der Punkt gegeben, wo die moralische Forderung ansetzt Indem diese Forderung das menschliche Subjekt vor die Alternative stellt*