Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 686 (sequence 11)
- Language
- German
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 685 punkt außerhalb des Lebens und Bewußtseins möglich wäre, aus dem wir bei unserem besten Willen nicht herauskönnen, wohl aber die Verborgenheit, das Rätselhafte, Geheimnisvolle, um nicht zu sagen Mysteriöse des Lebens. Das Bewußtsein empfindet, daß hinter dem Leben ein unauflösbarer Rest steckt, wiewohl es nicht weiß, worin er bestehen mag. Daher die Bedeutung, der Sinn, fast möchte man sagen der mystische Zauber der Melodie. Nicht jeder Künstler ist Musiker, aber etwas Musikalisches muß jeder Künstler an sich haben, Musikalisches in dem Sinne nämlich, daß ihm die verborgene, um nicht zu sagen mysteriöse Bedeutung jeder Lebenserscheinung zum lebhaften Bewußtsein kommt. Das Gefühl für diese mysteriöse Bedeutung des Lebens und die Fähigkeit, diese zur lebhaften Darstellung zu bringen, muß den dominierenden Zug in der Physiognomie jedes echten Künstlers bilden, muß jedes Kunstwerk großen Stils auszeichnen. Ohne dieses Verständnis artet die Kunst in einen einfachen Abklatsch der Wirklichkeit aus, der in manchen Beziehungen einen großen Nützlichkeitswert besitzen und dem großen Haufen als eine künstlerische Leistung gelten kann, der aber unseres Erachtens mit der Kunst als solcher nichts zu schaffen hat. Wir haben uns vielleicht über das Wesen der Kunst etwas über Gebühr verbreitet; aber von allen Manifestationen der menschlichen Psyche ist die künstlerische Bewertung des Daseins die einzige, die dem moralischen Faktor an Tragweite und einschneidender Bedeutung gleichkommt, die in vielen Fällen diesem Faktor als Gegengewicht dienen kann, und deren richtige Würdigung am geeignetsten ist, uns über die Rolle des letzteren im menschlichen Leben aufzuklären. In der künstlerischen Behandlung, sagten wir, gewinnen die Dinge eine Bedeutung, die im Leben der Wirklichkeit in der Regel nur sehr selten zum Bewußtsein gelangt, oder richtiger ausgedrückt, die künstlerische Behandlung gibt den Dingen die Bedeutung wieder, die ihnen von Natur aus zukommt und von dem in die Realität versunkenen Bewußtsein so häufig übersehen wird. Allein diese Bedeutung wird um einen teuren Preis erkauft, um den Preis des unmittelbaren Lebens nämlich, denn darin erblicken wir gerade die charakteristische Eigentümlichkeit der Kunst, daß sie in der Psyche ein lebhaftes Gefühl für das Leben als solches wach- 7urufen versteht, unabhängig von der Bedeutung dieses Lebens für das Wohl und Wehe unseres Organismus, indem der Künstler vor allen Dingen den elementaren Dualismus von Lust und Schmerz, Gut und Böse aufhebt und nur die Tätigkeit als solche im Auge hat und zur Darstellung bringt. Wohl ist es das warme, lebendige Leben, das das künstlerische Gemüt beseelt, aber