Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 685 (sequence 10)
- Language
- German
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684 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus lebte, dagewesen und geschehen ist. Was einmal war, das ist bis auf den heutigen Tag und wird in alle Ewigkeit sein, trotzdem es unserm Bewußtsein als längst entschwunden gilt, und dadurch erhält jeder separate Fall eine unverrückbar feste Stellung im Universum, und sobald sich die künstlerische Phantasie in die Betrachtung dieses separaten Falles versenkt, wird sie von seiner Unausrottbarkeit, Ewigkeit und Eigenwertigkeit mächtig ergriffen, und hier ist es auch, wo ihr die dunkle Erkenntnis aufgeht, daß dieser Fall irgendeinen verborgenen Sinn enthält — einen Sinn, den wir vorläufig nicht zu enträtseln vermögen, und dem die künstlerische Darstellung Ausdruck zu geben sucht Und wiederum ist es das Moment des Musikalischen, das uns bei unseren Betrachtungen leiten und einen gewissen Einblick in das Geheimnis der Kunst gewähren soll, denn hier ist der eigentliche Quellpunkt aller echten künstlerischen Inspiration zu suchen. Wird der individuelle Organismus in seinen unmittelbaren Lebensfunktionen durch einen äußeren Einfluß direkterweise gestört oder nur bedroht, erfahren umgekehrt diese Lebensfunktionen einen starken Energiezufluß und eine mächtige Anspornung ihrer Kräfte seitens irgendeines äußerlichen Faktors, so finden alle diese biologischen Störungen und Förderungen in dem Aufschrei ihren unmittelbaren Ausdruck. Der Schrei ist somit die lautliche Verkörperung einer empörten oder stark geförderten biologischen Funktion, und da die Aufmerksamkeit des Individuums in allen diesen Fällen von den im Spiele stehenden Lebensinteressen vollständig aufgesogen wird, so muß es dabei die Tatsache außer Acht lassen, daß diese Tätigkeiten auch einen Sinn und eine Bedeutung an sich haben können. Neben diesem Schrei des Körpers aber gibt es einen Schrei der Seele — und dies ist die Melodie. Stellt der Schrei die lautliche Verkörperung einer rein biologischen Erschütterung dar, so ist die Melodie die lautliche Verkörperung einer rein geistigen Erschütterung. Das Wesen dieser geistigen Erschütterung besteht darin, daß die Seele sich in die Betrachtung ihrer eigenen Zustände und Schicksale beschaulich versenkt und von diesem Anblick mächtig ergriffen wird. Da dieser Zustand der Ergriffenheit von allen rein biologischen Petturbationen frei ist, und die Aufmerksamkeit hier von den Lebensinteressen nicht in Beschlag genommen wird, so wird hiermit den erlebenden Individuen die Möglichkeit gegeben, das „an sich", den Sinn der Lebensfunktion zu ahnen, denn hier ist es, wo dem Bewußtsein das erstemal die instinktive Erkenntnis aufdämmert, daß das Leben irgendeinen verborgenen Sinn enthält. Nicht diesen Sinn erfaßt das Bewußtsein, da eine derartige Erfassung nur von einem Stand-