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Die Freistatt · 1914-03-31 · Heft 12 (31.3.1914) · p. Seite 684

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 12 (31.3.1914)
Article
Vom moralischen und künstlerischen Typus
Date
1914-03-31
Page
Seite 684 (sequence 9)
Language
German
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 683 i^PIH^HMMWMRBMMMli^^^^^^^aVMIIIiH^PVI^^^^^VqiPMMWMVW^^HHMM^^^^^PIIIM^VP^^^MHHM Organismus die Aeußerungen des Lebens auf ihre biologische Färbung des Angenehmen und Unangenehmen, Lustvollen und Schmerzlichen, Düsteren und Heiteren abzuschätzen gewohnt ist, so muß dieses universelle, den biologischen Rücksichten entzogene Leben für unser Empfinden einen etwas fremdartigen, um nicht zu sagen mystischen Charakter annehmen. Denn darin besteht gerade die ganze Eigenart und der ganze Reiz der echt dichterischen Behandlung irgendeiner Erscheinung, daß sie in einem einzigen Zuge uns die volle Lebendigkeit dieser Erscheinung und zu gleicher Zeit ihre vollständige Entrücktheit der Nützlichkeitssphäre fühlen läßt, daß sie den besonderen, separaten Fall in der ganzen Konkretheit seiner momentanen Unmittelbarkeit und zu gleicher Zeit unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit vor unseren Augen vorzuführen sucht. Daher die Bedeutung, die jeder von der echten Kunst behandelte Fall gewinnt. Daß jede Erscheinung des Lebens außer ihren Beziehungen zu dem Wohl und Wehe unseres individuellen Organismus ihre eigene Bedeutung und ihren eigenen Sinn besitzt, daß diese Erscheinung nicht nur für mich, sondern auch etwas für sich ist — diese Erkenntnis kann dem Bewußtsein im Kampfe ums Dasein nicht entgehen, denn hier wird letzteres von der Sorge um die Erhaltung so sehr in Beschlag genommen, daß es für das „an sich" der Dinge nicht viel übrig hat Nur die dichterische Phantasie mit ihrer regen Empfänglichkeit für die Ewigkeit des Lebens vermag dieses „an sich" dem Bewußtsein in eine recht fühlbare Nähe zu rücken, nur sie kann uns die Bedeutung jeder Lebenserscheinung auf eine vollkommen konkrete und prägnante Weise spüren lassen. Das Eigentümliche des künstlerischen Bewußtseins besteht eben darin, daß es ein starkes Gefühl für den Eigenwert jedes einzelnen, separaten Lebensfalls bekundet in schroffem Gegensatze zu dem unkünstlerischen Gemüt, das allen Geschehnissen, die in keinem Zusammenhang mit seinen Lebensinteressen stehen, eine kalte Indifferenz, eine vollständige Gleichgültigkeit entgegenbringt Indem nun die Geschehnisse durch den künstlerischen Geist hindurchgehen, werden sie von diesem starken Lebensgefühlc imprägniert, und daher der mächtige Reiz, den jede echte künstlerische Schöpfung auf das nachfühlende Gemüt ausübt In der künstlerischen Behandlung tut sich unserem Bewußtsein sozusagen die Seele des separaten Lebensfalles auf, weil es die künstlerische Persönlichkeit selber ist, die ihm ihre Seele einhaucht, und diese Seele ist von der Bedeutung, der Eigenwertigkeit, der Größe und Tragweite jedes Lebensfalles erfüllt. Alles Leben schwindet und vergeht, aber die Tatsache ist doch nicht aus der Welt zu bringen, daß es einmaL

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