Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 683 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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682 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus daß uns der musikalische Typus als der künstlerische par excellence gilt, und daß wir diesen Zustand für einen solchen halten, der in hohem Maße dazu geeignet ist, das Leben an sich in sich aufzunehmen. Es ist daher der musikalische Gemütszustand keineswegs als die bloße Spiegelung der auf den menschlichen Organismus einwirkenden Realität anzusehen, denn es fehlt hier der für alle Erscheinungen des realen Lebens so charakteristische Erhaltungswert, das will sagen, das unmittelbare Bezogenwerden auf irgendein „gut" oder „übel"; er kommt daher in eine Ebene des Geistes zu liegen, die der biologischen parallel läuft, und dies besagt, daß, so tief wir auch in der Richtung der biologischen Reaktion graben mögen, wir niemals auf den musikalischen Zustand stoßen werden. Um die biologische Reaktion der Schmerz- und Wollustgefühle zu ermitteln, müssen wir von ihrer lautlichen Verkörperung, dem Schrei, ausgehen, da in allen den Fällen, wo wir im Zweifel darüber sind, ob eine biologische Reaktion stattfändet, wir zum Schrei unsere Zuflucht nehmen, da es die Natur selber ist, die uns lehrt, von dem Schrei auf die ihm zugrunde liegende biologische Reaktion zu schließen. Diese lautliche Verkörperung der biologischen Reaktion hat eine scharf ausgeprägte Physiognomie, die den Stempel ihrer Zugehörigkeit zu den Schmerz- oder Lustäußerungen immer deutlich an der Stirne trägt. Um aber den musikalischen Gemütszustand zu ermitteln, müssen wir von einer ganz anders gearteten, lautlichen Verkörperung — der Melodie ausgehen, und diese Melodie, was immer für Stimmungen sie zum Ausdruck bringen mag, gewährt immer einen gewissen seelischen Genuß, vorausgesetzt, daß wir es mit einer echten und natürlichen Melodie, und nicht mit irgendeinem Flickwerk von Tönen zu tun haben. Es ist also der musikalische Gemütszustand, der seiner lautlichen Verkörperung, der Melodie, zugrunde liegt, immer von einer gewissen Freudigkeit imprägniert. Die Begebenheiten in der äußeren und der inneren Natur lösen in der dichterischen Phantasie musikalische Vibrationen aus, und wir wollen damit dem Gedanken Ausdruck geben, daß die dichterische Persönlichkeit in ihrem Kontakte mit der Welt der äußeren und inneren Geschehnisse in weit höherem Grade als jeder andere Mensch auf das in jeder Bewegung sich offenbarende universelle Leben abgestimmt ist. Die dichterische Phantasie besitzt einen feinen und sicheren Spürsinn für jenen lebendigen Atem, der die ganze Natur durchdringt; in der künstlerischen Seele findet die Stimme des Lebens einen stärkeren Widerhall, als es mit jedem anderen Menschen der Fall sein mag. Da aber der Geist von Natur aus vorwiegend auf den rein praktischen Nutzen eingestellt ist, da der menschliche