Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 682 (sequence 7)
- Language
- German
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 681 In einem gewissen Anfalle von selbstquälerischer Qier gibt sich das mitleidige Bewußtsein seinen überspannten Visionen hin, und diese selbstquälerische Sucht verwandelt sich mitunter in Grausamkeit Aber der Anblick des fremden Ichs und das unmittelbare Teilnehmen an seinen Leiden ist für das Zustandekommen der Mitleidsgefühle innerhalb des mitleidigen Bewußtseins nicht unumgänglich notwendig, denn das fremde Ich kann unter Umständen sehr gut durch das eigene ersetzt werden, und das Mitleiden mit diesem fremden Ich durch das mit seinem eigenen. Dazu genügt es bloß, daß das eigene Ich der mitleidigen Phantasie in gewisser Weise entfremdet wird, und dies geschieht in allen den Fällen, wo diese Phantasie sich in die Schicksale ihrer eigenen Vergangenheit versenkt, in allen den Fällen also, wo entschwundene, bereits vergangene Erlebnisse in Gestalt von Erinnerungsbildern das Feld des Bewußtseins ausfüllen. Auf dem Hintergrunde dieser vergangenen Erlebnisse zeichnet sich für die nachlebende Phantasie eine seltsame Zwittergestalt ab, die alle Züge des eigenen Ichs an sich trägt und dabei doch nicht mehr das eigene Ich ist, sondern dem gegenwärtigen Bewußtsein als ein fremdes erscheint Der Anblick dieses in zeitliche Ferne gerückten, fremdgewordenen Ichs vermag auf die Phantasie des nachlebenden gegenwärtigen Bewußtseins ganz dieselben Wirkungen wrie ein vollständig fremdes Ich auszuüben. In den Anblick dieses fremd-eigenen Ichs vertieft sich nun die mitleidige Phantasie ganz in derselben Weise, wie wenn sie ein fremdes Ich vor Augen hätte. Da erinnerte Leiden keine Gewalt über den Organismus der gegenwärtig nachlebenden Phantasie mehr besitzen, so haben die Gemütsvibrationen, die diese Leiden in der vorstellenden Psyche auslösen, etwas Angenehmes an sich. Hierin ist zugleich der Grenzpunkt gegeben, der die biologische Ebene des Gemüts, wo die lediglich auf Erhaltung eingestellten Tendenzen ihre Wirksamkeit entfalten, in die musikalische hinüberleitet, wo sich das Leben an sich widerspiegelt. Nicht ohne Absicht haben wir die musikalische Fähigkeit des menschlichen Gemüts berührt, denn in dieser musikalischen Fähigkeit erblicken wir den entscheidenden Wendepunkt, der den Geist von der rein praktischen, biologischen Reaktion auf die Einflüsse der Außenwelt zu der rein künstlerischen Betrachtungsweise hinüberführt. Von allen Zuständen der menschlichen Seele ist der musikalische der einzige, in welchem der Geist die Fähigkeit erlangt, das Leben an sich unmittelbar zu empfinden, und wenn wir auf diesen Zustand so großen Nachdruck legen, so geschieht es einzig und allein aus dem Grunde,