Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 681 (sequence 6)
- Language
- German
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680 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus sondern einzig und allein an der psychischen Beschaffenheit und der ursprünglichen Gemütsveranlagung der Träger dieser Gefühle. Das mitleidige Bewußtsein ist von Natur aus mit einer empfänglichen und beweglichen Phantasie ausgestattet, und es kann nicht umhin, sich in die Lage des fremden leidenden Ichs zu versetzen. Diese Versetzung in die Lage des fremden Ichs erfolgt zu gleicher Zeit mit der reflektorisch aufgenommenen Erschütterung des letzteren und vollzieht sich auf eine unmittelbare, spontane und unwillkürliche Weise. In dem fremden leidenden Ich erkennt das mitleidige Bewußtsein die verzerrten Züge seiner eigenen Physiognomie und schreckt davor zurück. Das grausame Bewußtsein ist von härterer und zäherer Substanz; seine Phantasie entbehrt jener biegsamen Geschmeidigkeit, die es allein möglich macht, in dem fremden Ich sein eigenes Bild wahrzunehmen. Mit dem Momente nun, wo das mitleidige Bewußtsein vermöge seiner beweglichen Phantasie sich in den Anblick des fremden Ichs versenkt, wird es von einer unheimlichen Anziehungskraft ergriffen, derjenigen nicht unähnlich, die einen Menschen am Rande eines tiefen Abgrunds packt. Das verzerrte Spiegebild seiner eigenen Physiognomie übt auf das mitleidige Bewußtsein eine faszinatorische Gewalt aus, die sich mit jedem Momente steigert und sein Gemüt in einen Zustand der inneren Unruhe und Erschütterung versetzt, die sich unter Umständen in Tränen entladen kann. Dieses leidende fremde Ich, in dem es sein eigenes wittert, und das doch wiederum nicht sein eigenes ist, erfüllt sein Gemüt mit Entsetzen, wie ein Gespenst, das einer fremden Welt anzugehören scheint und sich doch wie ein lebendiges, irdisches Wesen gebärdet Hier, wo die despotische Macht der biologischen Triebe das Bewußtsein nicht ganz in Beschlag nimmt, tut sich der mitleidigen Seele zum erstenmal die Erkenntnis von der rätselhaften Bedeutung des Leidens und des Lebens auf. Hier darf sie sich frei ihren wehmütigen Betrachtungen überlassen, während die Zuckungen des fremden Leids sie mit einem angenehmen Schauer durchrieseln. Dieses Gemisch von Wehmut und Wollust macht das Wesen des Mitleidsgefühls aus. Manchmal überwiegt die Wehmut, manchmal wiederum ist es die Wollust, die überhandnimmt, aber immer ist hier das Leid von freudigen Erregungen gefärbt Uebrigens gehört es keineswegs zu den seltenen Erscheinungen, daß das Gefühl des Mitleids in Grausamkeit ausartet Mit der feinen Spitze seiner überreizten Sensibilität gräbt sich das mitleidige Bewußtsein in die schwärzesten Schichten des Elends hinein, um alle Wehmut des Daseins in sein Innerstes aufzunehmen und sich an seinem eigenen Mitleide zu berauschen.