Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 680 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 779 Momente in den hintersten Hintergrund zurückgedrängt, und daß von dem Qrundtone des Schmerzes die Obertöne der Lust vollständig übertönt werden. Denke man sich nun eine derartige Veranstaltung, die es dem individuellen Organismus möglich machen soll, eine abwehrende Tätigkeit aus sich zu entfalten, ohne dabei in seiner Erhaltung bedroht zu werden. Denke man sich eine Veranstaltung innerhalb der organischen Einheit, die der letzteren die Möglichkeit verleiht, bei einer Tätigkeit des Widerstrebens, einer Funktion des Nichtwollens, einzig und allein das Moment des Funktionierens als solches zu empfinden, ohne dabei das des Angegriffenwerdens zu gewahren. Eine derartige Veranstaltung würde gleich einem Resonator die Obertöne der Lust verdichten, daß sie sich unwillkürlich dem Bewußtsein aufdrängen. Eine derartige Veranstaltung besitzt nun der individuelle Organismus in der reflektorischen Funktion des Mitgefühls, die das Bewußtsein der mitfühlenden Person in den Stand setzt, fremdes Weh in sich aufnehmen, ohne daß dabei der Organismus die mindeste Qefahr läuft, irgendwie in seiner Erhaltung gestört und geschädigt zu werden. Indem nun vermöge der Funktion des Mitleidens das individuelle Bewußtsein alle Erschütterungen des fremden Wehs reflektorischerweise in sich nachbildet, ohne dabei an seiner Lebenstätigkeit Schaden zu nehmen, wobei also die Integrität seiner organischen Einheit unversehrt und intakt bleibt, so erhält es die Möglichkeit, in der widerstrebenden Tätigkeit das Funktionieren als solches wahrzunehmen. Da nun die Tätigkeit als solche von dem menschlichen Organismus als lustvoll empfunden wird, so wird das Gefühl des Mitleidens ein Moment der Lust enthalten müssen. Die Regungen des Mitleidens haben in ihrem ersten Ansätze mit denen der Grausamkeit eine überraschende Aehnlichkeit Hier wie dort sind es gewisse Nacherlebnisse eines mitfühlenden Bewußtseins, das die Erschütterungen der fremden Psyche reflektorischerweise in sich aufnimmt, und da diese Erschütterungen dem Organismus des mitfühlenden Bewußtseins weder direkten Schaden zufügen, noch direkten Nutzen bringen können, so erlebt letzteres an diesen reflektierten Erlebnissen die Tätigkeit in ihrer reinen Gestalt, das will sagen, in einer Gestalt, die von allen biologischen Ingredienzien gesäubert ist. Mitleid und Grausamkeit fließen aus derselben Quelle, aus der Fähigkeit des Mitfühlens, die das individuelle Bewußtsein in den Stand setzt, die Bewegungen der fremden Psyche in sich nachzubilden. Wenn sich dennoch Mitleid und Grausamkeit in so fundamentaler Weise voneinander unterscheiden, so liegt es nicht an ihrem Wesen,