Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 679 (sequence 4)
- Language
- German
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678Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus hauptungen zu sein, daß der Affekt der Liebe, der doch die prägnanteste Form für die bejahende Richtung des Willens abgibt, und der gleichsam die Hinneigung des ganzen Wesens gegen den begehrten Gegenstand hin zum Ausdruck bringt, daß dieser Affekt der Liebe mit dem des Leidens identisch sein soll, der doch seiner Natur nach die negative Richtung des Willens darstellt und die abwehrende Bewegung der Seele ausdrückt, oder um es mit einem einzigen Worte kurz zu bezeichnen, der seiner Natur nach ein Nicht-Wollen bedeutet Allein diese Behauptung trifft eben einen der elementarsten Widersprüche, der in der menschlichen Psyche selber enthalten ist. Denn wenn Lustgefühl ein Wollen, ein Streben nach Etwas, das Schmerzgefühl dagegen ein Nicht-Wollen, ein Widerstreben bedeuten soll, so muß doch gerade in dem Moment, wo das Bewußtsein sich gegen zerstörende Angriffe am heftigsten sträubt, dieses Sträuben an und für sich als etwas Angenehmes empfunden werden. Indem das Bewußtsein etwas nicht will, bekundet es erst recht seinen setzenden Willen, oder kürzer ausgedrückt: indem ich etwas nicht will, will ich es eben nicht Die abwehrende Tätigkeit des menschlichen Geistes, die doch den Charakter der Tätigkeit nimmermehr verleugnen kann, muß irgend welche Lustmomente latenterweise in sich enthalten. Daß aber diese lustvollen Momente nur latenterweise in ihm enthalten sind, daß also diese Lustmomente im Bewußtsein der leidenden Person sich kaum geltend machen — dies findet in einem ganz einfachen Umstände eine erschöpfende Erklärung. Diese abwehrende Tätigkeit der menschlichen Seele, die das Wesentliche des Leidens und Nichtwollens ausmacht, ist doch nur deshalb eine abwehrende zu nennen, weil sie unbewußterweise lediglich darauf hinzielt, den menschlichen Organismus vor zerstörenden und auflösenden Angriffen zu wahren, oder kürzer ausgedrückt: die Integrität der organischen Einheit zu erhalten. Das Nichtwollen ist ein Wollen, das einzig und allein darauf gerichtet ist, von dem individuellen Organismus alles dasjenige fernzuhalten, was in dieser oder jener Weise die Lebenstätigkeit der organischen Einheit zu hemmen vermöchte. Von dieser Sorge um die Erhaltung der organischen Einheit ist das Bewußtsein der leidenden Person so vollständig erfüllt, daß die etwaigen Lustmomente, die die Tätigkeit als solche mit sich bringen muß, kaum imstande sind, seine Schwelle zu berühren. Da das Bewußtsein des leidenden Individuums einzig und allein das Moment des Abwehrens und Zurückweisens im Auge haben muß, da das leidende Bewußtsein seine ganze ihm zu Gebote stehende Aufmerksamkeit anspannen muß, um den feindlichen Angriff zurückzuschaudern, so kommt es, daß die lustgefärbtea