Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 678 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119813-3121514--1251-3121553- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 677 weit die elementarsten und tiefsten Modifikationen ihres Wesens, welches letztere dem rein praktischen Bewußtsein des handelnden Individuums für immer verborgen bleibt. Und doch besitzt auch dieses praktische Bewußtsein eine gewisse Veranlagung, des durch den menschlichen Organismus hindurchgehenden Lebens habhaft zu werden, was im Gefühle des Mitleidens besonders deutlich zutage tritt. Wer in das Wesen der Kunst etwas tiefer eindringen will, der wird dem Affekte des Mitleidens seine besondere Beachtung schenken müssen, da von allen Regungen des menschlichen Gemüts, diejenigen des Mitleids am besten dazu geeignet sind, die ganze Macht und zu gleicher Zeit die ganze Ohnmacht der künstlerischen Phantasie ins volle Licht zu rücken. Und diesen mitleidigen Regungen wird man schwerlich auf den Grund gehen können, wenn man sich von dem Wortlaute verleiten ließe und das Gefühl des Mitleids etwa als reflektiertes Leid auffassen würde. Eine derartige Auffassung würde uns auf Abwege führen und das Verständnis für den Wert und die Bedeutung eines der wichtigsten Faktoren der menschlichen Seele ein für allemal vollständig verschließen. Weit entfernt davon, dem mitleidigen Bewußtsein direktes Leid zuzufügen, sind die mitleidigen Regungen vielmehr von einer gewissen freudigen Erregung imprägniert, die mit dem Affekte der Grausamkeit eine überraschende Aehnlichkeit aufweisen, was sofort begreiflich wird, wenn man bedenkt, daß die beiden Affekte, der des Mitleides sowohl wie der der Grausamkeit, in einem gemeinsamen Punkte, in der Fähigkeit des Mitfühlens überhaupt wurzeln, und daß ihre Verschiedenheit voneinander nicht der ihres Wesens gilt, sondern in der jeweiligen Beschaffenheit des individuellen Gemüts der Träger dieser Affekte begründet ist. Bei alledem muß natürlich zugestanden werden, daß der Affekt des Mitleidens eines gewissen Momentes des Leidens nicht entbehrt, aber es ist ein Leiden besonderer Art, es ist ein freudig gefärbtes Leiden, das seine geheimste Wurzel in der ganz spezifischen Fähigkeit der menschlichen Seele hat, sich an ihren eigenen Leiden zu ergötzen und ihren eigenen Schmerzen neue Lebensreize abringen. „Bis zum Wahnsinn liebt der Mensch das Leiden/' so oder ungefähr so drückte sich einmal Dostojewsky aus, und dieser merkwürdige Ausspruch, der auf den ersten Blick den Eindruck eines ungeheuren Paradoxons auf den Geist jedes unbefangenen Lesers machen muß, enthält bei eindringlicherem Zusehen einen Kern von tiefer Wahrheit, den nur eine philosophische Analyse aus seiner paradoxalen Hülle herauszuschälen vermag. Es scheint eine der widerspruchsvollsten und unmöglichsten Be-