Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 677 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Dr. Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus ^^^^^^^MMrth^^^^^HHHM|^^^^^^^^^^HH#(i^^H^^MVV^^H^^H^^^^^H^HM^^V^^^rtk^B^V^VHl4Hllk^H^^^^HIHHHMI^^^^H^VV^VIM^^^HVII^Hi^^ prüft, sondern auf die des Lebens überhaupt, das sich in diesen Erscheinungen offenbart. Bei ihrem Zusammenstoßen mit irgendeinem Dinge, fragt nicht die künstlerische Phantasie danach, inwiefern es ihrem Organismus nützlich oder schädlich werden kann, und wie sie es anstellen soll, seine nutzbringenden Wirkungen festzuhalten und den schädlichen auszuweichen, sondern die erste Empfindung, die ihr zum Bewußtsein gelangt, ist die von dem Reize, den das Leben als solches jedem Dinge mitteilt Der tiefe Dualismus von Tod und Leben, Schmerz und Wollust, Wehmut und Freude, der für das rein praktische Bewußtsein so charakteristisch ist — für die echte künstlerische Phantasie besteht er nicht Im Schmerz und in der Wehmut fühlt der künstlerische Genius denselben mächtigen Puls des Lebens schlagen, wie in der Wollust und in der Freude, und selbst in dem Phänomen des Todes sieht er ein geheimnisvolles Weben der Natur, das in ihm die Sprache des Lebens spricht. Denn darin besteht ja die Eigenart der künstlerischen Veranlagung, daß sie auf alles Vitale in der Natur besonders fein abgestimmt ist, und daß jeder Lebenston in ihr einen mächtigen Resonanzboden findet, der ihn in verstärkter Gestalt wiedergibt. Die dichterische Persönlichkeit hat ein lebhaftes Gefühl für das reine Leben in der äußeren und inneren Natur, das will sagen, das Leben an sich, das Leben als solches, das Leben überhaupt, das der gesamten Schöpfung zugrunde liegt, und das in dem gewöhnlichen Treiben des Alltags aus dem Bewußtsein des Individuums fast vollständig verdrängt wird. Man muß nämlich bedenken, daß die Dinge der Außenwelt, die auf das menschliche Ich einwirken, nicht nur jene subjektiven Veränderungen erleiden, die Kant seinerzeit aus den diesem Ich innewohnenden Verstandes- und Sinnesformen hervorgehen ließ, sondern daß die äußeren Dinge bei ihrem Einwirken auf den menschlichen Organismus bei weitem tiefere und elementarere Wandlungen erfahren, die ihnen in erster Linie aus dem menschlichen Leibe kommen, den Nietzsche einmal in einem seiner glücklichen Momente den großen Verstand genannt hat Dieser große Verstand ist es eigentlich, der den Dingen der Außenwelt zuerst seine Formen aufprägt, und denen die des kleinen Verstandes erst nachhinken. Aus diesem großen Verstände stammt jener fundamentale Dualismus zwischen Angenehm und Unangenehm, Lust und Unlust, Wollust und Schmerz, Freude und Wehmut, der für das fühlende und denkende Ich in so hohem Maße charakteristisch ist* Durch diese Formen des großen Verstandes, die wir am liebsten die Formen der Erhaltung nennen möchten, erleiden die Dinge der Außen-