Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 12 (31.3.1914)
- Article
- Vom moralischen und künstlerischen Typus
- Date
- 1914-03-31
- Page
- Seite 676 (sequence 1)
- Language
- German
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Dr, Seligmann, Vom moralischen und künstlerischen Typus 675 Vom moralischen und künstlerischen Typus (Eine Parallele zwischen Juden- und Christentum) Von Dr. R. S e 1 i g m a n n Bevor wir von der Natur des moralischen Typus sprechen, und ehe wir die Bedeutung des ethischen Faktors in der Welt der seelischen Geschehnisse auf ihren richtigen Wert abschätzen, wollen wir unsere ganze Aufmerksamkeit jenem Typus zuwenden, den wir im gewöhnlichen Leben als Künstler bezeichnen, und versuchen wir es einmal, jener merkwürdigen Erscheinung auf den Grund zu gehen, die wir in der Regel mit dem Namen der Kunst belegen. Wer ist er, dieser Mensch, der durch den Zauber seiner Kunst die intimsten Saiten der menschlichen Seele in mitfühlende Schwingung versetzt, ihre Leiden leidet, sich ihrer Freuden freut, ohne dabei aus seiner Rolle des unbeteiligten Zuschauers jemals herauszugehen, dem diese Seele Objekt der bloßen Betrachtung bleibt, wenn es auch eine Betrachtung sui generis ist, von der wissenschaftlichen Betrachtungsweise grundsätzlich verschieden? Und was für eine Bewandtnis hat es eigentlich mit dieser seiner Kunst, die mitten im Kampfe der egoistischen Triebe es dreist auf sich nimmt, allen biologischen Imperativen die Stirne zu bieten, indem sie alles Leid in einen Born der Lust zu verwandeln sucht und den düsteren Mächten des Daseins neue Lebensmächte entlockt? Man muß bei alledem bedenken, daß der künstlerische Typus einerseits mit dem moralischen eine merkwürdige Analogie aufweist, und daß er wiederum anderseits von ganz entgegengesetzten Tendenzen getragen ist. Gleich dem Moralisten sucht der Künstler das individuelle Ich von seinen rein biologischen Schranken zu befreien, indem er es das Leben der Natur und ganz insbesondere das seiner Mitmenschen fühlen läßt; während aber der Moralist diesen Befreiungsakt praktisch durchzuführen strebt, indem er sich in einen Kampf mit den bösen Mächten der Welt einläßt, rückt ihn der Künstler bewußterweise in eine ideale, beschauliche Sphäre, wo jedes Kämpfen unnütz und überflüssig wird. Durch die Macht seiner dichterischen Persönlichkeit, die von einer besonderen Liebe zu allem Lebendigen in der Natur beseelt ist, sucht der künstlerische Typus alle Aeußerungen des Daseins auf ihren reinen Lebenswert zu reduzieren, und das will sagen, daß die künstlerische Phantasie, in scharfem Gegensatze zur praktischen Natur, die Daseinserscheinungen nicht auf ihre Bedeutung für die Erhaltung und Förderung des individuellen Ichs