Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Ökonomische Übersicht
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 657 (sequence 2)
- Language
- German
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656 Ben Mordechai, Die jüdischen Dörfer in Rußland baren Leiden der jüdischen Kolonisten im Chersoner Gouvernement doch die Leute zur Ansiedlung in den Steppen Neurußlands drängten. Besonders stark wurde dieses Streben bei den jüdischen Massen seit dem Jahre 1822. Im Laufe dieses einen Jahres wanderten 8708 Seelen aus den weißrussischen Gouvernements nach Neurußland aus (bloß die mit Wissen und Zustimmung der Regierung). 2152 wurden kolonisiert, während über 2000 nach Hause zurückkehrten; vergleicht man das mit der Zahl derer, die die weißrussischen Gouvernements verlassen haben, so sieht man, daß 2474 Seelen weniger nach Neurußland gelangten. Die Behauptung, daß der größte Teil auf dem Wege umkam, ist wohl nicht übertrieben. Mit der Krönung Nikolaus L begann für die jüdische Kolonisation eine neue Epoche. Der bisherigen nicht besonders gelungenen Versuche ungeachtet, beschloß Nikolaus I., sie mit verstärkter Energie fortzusetzen. Wenn sich die Ursachen für diesen Beschluß auch schwer feststellen lassen, so war es sicher nicht die Liebe zu den Juden. Nikolaus L war ihnen nicht sehr zugetan. Seine Zeit ist voll der schreck* liebsten Verordnungen. Liest man in offiziellen Berichten jener Zeit die Stellen, wo von Juden die Rede ist, so kann man deutlich die Verachtung und den Haß bemerken; überall wird betont, daß der Jude von Natur aus zur Ausbeutung neigt, daß dem Juden „Pflicht- und Ehrgefühl fremd" seien, und ähnliche antisemitische Lehren. Ich glaube daher, daß die Kolonisationsbestrebungen nur den Zweck hatten, die Russifizierung der Juden, das Hauptziel der ganzen Judenpolitik der Epoche Nikolaus', zu erleichtern. Anfangs hatte man die Juden in Sibirien kolonisieren wollen. Ohne Rücksicht darauf, daß Sibirien damals ein noch vollkommen ödes Land war, bevölkert mii verschiedenen wilden, heidnischen Nomadenstämmen, machten sich viele sofort auf eigene Verantwortung auf den Weg. Plötzlich aber änderte die Regierung ihre Meinung und beschloß, es sei „gefährlich, solch geizige und unmoralische Menschen wie die Juden" in Sibirien anzusiedeln. Man gab Befehl, alle Juden, die sich auf dem Wege nach Sibirien befanden, anzuhalten und sie ins Chersoner Gouvernement zu schicken. Das Judengesetz von 1835 erlaubt den Juden, sich in den Bauernstand einzuschreiben, wobei sie mancherlei Begünstigungen erhalten konnten, wie Befreiung von verschiedenen Steuern und dergl und, was das wichtigste war: Alle, welche sich in größeren Gemeinden (über 50 Seelen) niederließen, wurden für 50 Jahre, und die, welche sich in kleineren niederließen, für 25 Jahre vom Militärdienst befreit. Wer von den Schrecken des Militärdienstes unter Nikolaus weiß, wird die starke Wirkung dieses letzten Punktes auf die jüdische