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Die Freistatt · 1914-02-20 · Heft 11 (20.2.1914) · p. Seite 656

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 11 (20.2.1914)
Article
Ökonomische Übersicht
Date
1914-02-20
Page
Seite 656 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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Ben Mordechai, Die jüdischen Dörfer in Rußland 655 *• Ökonomische Ubersicht Die judischen Dörfer in Rußland Von Ben Mordechai (Fortsetzung) Die Lage der jüdischen Kolonisten war schrecklich. Die „Haupt-Verwaltung" über die jüdische Kolonisation verhielt sich den Juden gegenüber sehr schlecht und wurde von den Regierungsrevisoren darin oft bestärkt. Außerdem herrschte eine furchtbare Unordnung und Mißwirtschaft, die so weit ging, daß die „Verwaltung" der Regierung keine befriedigende Rechenschaft über die ausgegebenen Gelder ablegen konnte und nicht einmal wußte, wieviel Juden sie kolonisiert hatte. Noch mehr hatten die Juden unter der lokalen Behörde zu leiden, in deren unmittelbarer Macht sie sich befanden. Man behandelte sie wie wilde Tiere. Man nahm ihnen das Minimum an Freizügigkeit und Beschäftigungsfreiheit, welches das strenge russische Gesetz den freien Klassen ließ. All dies drückte die jüdischen Kolonisten nieder, raubte ihnen die Initiative und die Lust, nicht bloß zur Arbeit, sondern selbst zum Leben. Zu alledem verhielt sich die Natur auch nicht freundlicher gegen sie. Abergläubischen konnte es sicher scheinen, die Natur selbst wolle die jüdische Kolonisation durchaus verhindern. Pest und andere Epidemien, Hungerjahre, schreckliche Kälten und Stürme hörten jahrein, jahraus in Rußland nicht auf. Nicht selten kam es vor, daß die Felder nicht einmal die Aussaat zurückerstatteten. In vielen Kolonien rissen die Kolonisten an außergewöhnlich kalten Wintertagen die Strohdächer herunter, um mit ihnen zu heizen. Dazu verbot die lokale Behörde den Kolonisten nicht nur, sich in den Städten nach Arbeit umzusehen, sondern sogar die nahen Dörfer aufzusuchen. Das hatte zur Folge, daß selbst die wenigen Kolonisten, die ein paar Pfennige besaßen, hungern mußten, weit es ihnen nicht erlaubt war, sich in der Umgegend Lebensmittel zu besorgen. Aus all diesen Gründen stieg die Sterblichkeit unter den Kolonisten, namentlich unter Frauen und Kindern sehr. Lipanow, der 1813 die jüdischen Kolonien inspizierte, bemerkt, daß fast alle Frauen und Kinder krank seien. Es ist kein Wunder, daß viele Kolonisten alles bereuten, sich aus dieser Lage zu befreien und in ihren bürgerlichen Stand zurückzukehren suchten. Viele verließen im geheimen ohne Erlaubnis die Kolonien. Aber die ökonomischen Verhältnisse der Juden in Litauen und Weißrußland waren so entsetzlich, doß sich trotz der furcht-

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