Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina III
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 649 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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648 I. Lew in, Die jüdische Kolonisation in Palästina III Auch der Handel liegt in Palästina darnieder. Der Binnen* markt ist ja sehr ärmlich; dazu fehlt es an guten Verkehrsstraßen; die heute vorhandenen sind nicht sicher. Endlich fehlt Palästina der günstige Hafen, Selbst in denen von Jaffa und Haifa müssen die Schiffe weit vom Ufer Anker werfen, und monatelang machen die Stürme den Zugang im ganzen unmöglich. Ob Palästina überhaupt noch einmal für den Orienthandel in Betracht kommen wird, ist schwer zu entscheiden. Früher war es einmal der Knotenpunkt der großen antiken Handelswege von Phönizien und von Aegypten nach Babel und Aschur. Jetzt aber besitzen die Nachbarländer (Syrien) im Norden und Osten nähere und weit bessere Häfen. * Wir sahen die naturgegebenen und die zeitweiligen Faktoren, die es in Palästina zu einer entwicklungsfähigen jüdischen Siedlung nicht kommen lassen, — Manche von ihnen werden sich natürlich einmal abschwächen und weniger stark auf die Kolonisation drücken. Eins aber drängt sich jedem auf, der ohne Voreingenommenheit und vom Nahen die Lage in Palästina erforscht: Die Erkenntnis nämlich, daß sich hier niemals eine beträchtliche agrikulturelle oder industrielle jüdische Siedlung ausbilden kann. Denn erstens: Freier, nicht bearbeiteter Boden ist so gut wie überhaupt nicht mehr vorhanden; der Landmangel treibt die Bodenpreise immer hoher. Durch Intensivierung der Betriebe dem entgegenzuwirken und viele Juden auf engem Raum unterzubringen, hat sich als Utopie erwiesen. Zweitens: Palästina ist heute schon ein stark besetztes Land, Die Araber bilden darin die ungeheure Ueberzahl — mehr als 80 Prozent der Gesamtbevölkerung. In den Nachbarländern erwacht das arabische Element zu immer stärkerem nationalen Leben; die arabische Bewegung greift mehr und mehr auf Palästina über und unterstützt die Aufwärtsentwicklung der arabischen Bevölkerung. Jede neue jüdische Kolonie wirkt dazu in derselben Richtung, ruft neue und weit stärkere arabische Siedlungen hervor und erschwert so die Ausbreitung der jüdischen Kolonisation. Drittens: Es fehlt in Palästina an allen Vorbedingungen für eine Industrie. Hoffen, in Palästina werde einmal ein wirtschaftliches Zentrum erstehen, stark genug, einen bedeutenden Teil der jüdischen Emigration aufzunehmen — das können nur Menschen, die der Wirklichkeit nicht ins Gesicht schauen wollen und beständig im Traumland leben. Es ist wohl möglich, daß Juden in Palästina noch da und dort über das Land zerstreute kleine Bodenflächen erwerben und sie mit eigenen Mitteln oder mit der Hülfe von Kolo-