Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina III
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 648 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119812-3121380--1181-3121468- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I. Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina III 647 trägt sie kaum das Nötigste ein. Kommt dazu noch ein Unglücksfall, z. B. das Krepieren von Arbeitstieren, dann muß der Kolonist schon fremde Hilfe in Anspruch nehmen. Der zweite Typ zeigt, daß bei der Bewirtschaftung durch arabische Knechte der Boden den Kolonisten kaum ernährt, und daß beim Fallen von Arbeitstieren das Jahr mit einem Defizit endet Die beiden letzten Typen zeigen eine sehr bemerkenswerte Tatsache — die fast für die gesamte palästinensische Feldwirtschaft Geltung beansprucht: Bei persönlicher Arbeit des Kolonisten und unter günstigen Bedingungen bringt die palästinensische Wirtschaft dem Besitzer nur den Wert der eigenen Arbeit ein; der dritte Typ für 1V2, der vierte für 3 Arbeiter. Die Mehrzahl der Feldwirtschaften entsprechen dem zweiten und dritten Typ; vom ersten gibt es nur wenig; noch seltener sind solche vom vierten Typ, * Ein paar Worte noch über die industriellen Aussichten Palästinas. Es ist kein Zufall, daß man bisher ausschließlich über landwirtschaftliche und fast nie über industrielle Kolonisation diskutiert hat. Die palästinensische Industrie ist ja heute kaum der Rede wert. Abgesehen von Rohprodukten (Früchte und Getreide) exportiert Palästina in der Hauptsache nur Wein und Seife. Die meisten Gebrauchsgegenstände werden importiert; sogar Mehl. Das Land hat keine Heizmaterialien* Holz und Kohle fehlen; man importiert Naphta aus Rußland und Amerika, und Kohlen aus England und Belgien, Eisen oder andere Metalle sind auch nicht vorhanden. Auch sonst sind die Bedingungen für das Heranbilden einer stärkeren Industrie wenig günstig. Die geringen Einfuhrzölle, zu denen sich die Türkei gezwungen sieht (7—11 Proz.), lassen eine heimische Industrie nicht aufkommen. Es lohnt sich nicht einmal, die heimischen Rohprodukte im Lande selbst zu verarbeiten. Man zieht es vor, Wolle, Felle, Getreide und dergleichen nach England zu bringen, und reimportiert sie dann lieber von dort als Stoffe, Schuhe und Mehl, als Maschinen und Heizmaterialien einzuführen und im Land selbst zu verarbeiten. Unter günstigeren Bedingungen wird man vielleicht später Wein, Baumöl und auch Zucker usw. im Lande selbst verarbeiten; auch mag sich einmal am Tiberiassee, der reich an Mineralen ist, eine chemische Industrie entwickeln. Natürlich beeinflußt dieser Mangel an Industrien auch die Landwirtschaft; dem Kolonisten fehlt die Nebenbeschäftigung, die ihm in der arbeitslosen Zeit Verdienst gäbe.