Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina III
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 644 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119812-3121380--1177-3121464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
L Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina HI 643 kann der Jude nicht nackt und barfuß herumspringen. Ein Schabbesgewand ist ihm unentbehrlich. Die arabische Kost wird ihm nie genügen. Er ist nicht umsonst seit Jahrhunderten Städter gewesen. Er kann sich nicht mit dem Wenigen, was der Boden trägt, zufrieden geben, sondern muß aus ihm her* auspressen, was sich nur herausholen läßt Seine Bedürfnisse lassen es nicht zu, daß er wie ein rückständiger Araber oder Mnjik wirtschafte — er muß alles ausnutzen, was ihm die moderne Technik bietet — die besten Maschinen, die rationellste Felderteilung, Bemistung usw. Nun gibt es bekanntlich sogenannte „Fachleute", denen das Heruntersinken der jüdischen Kolonisten auf den Stand niedriger Zivilisation sehr willkommen ist, und die sich darüber freuen, daß der Jude „ein richtiger Bauer" wird. In Wirklichkeit lähmt aber diese kulturelle Degradation die Unternehmungslust des Kolonisten und macht aus ihm einen Menschen, der für moderne Kolonisation unbrauchbar ist. In den ersten Jahren, in denen es ihm schlecht geht, fühlt er kaum seine Lage; sie weckt dann seine Energie; er sieht dann auf sich wie auf einen heroischen Menschen, der doch endlich siegen wird. Stellt sich aber all* mählich heraus, daß er nicht bloß auf eine Weile, sondern für immer seinen gewohnten Bedürfnissen entsagen muß, und daß des Quälens und Darbens kein Ende wird, dann schwindet aller Unternehmungsgeist und die Freude an der Arbeit, und es bleibt das bittere Gefühl, für ein derart unwürdiges Leben den alten Beruf verlassen zu haben. Vom Idealismus bleibt kein Rest; denn kulturelle Degradation kann niemals zum Ideal werden. Es ist darum eine Utopie, Juden zu „Bauern" zu machen, wie man sie sich in Rußland und Qalizien vorstellt. Jeder Versuch in dieser Richtung kann zu keinen anderen Resultaten führen, als sie die bisherige Siedlungsarbeit in Palästina zeitigte — für einen Taler wird man säen, und für einen Groschen wird davon herauswachsen. Es fragt sich nun, ob es möglich ist, in Palästina zu entwickeltem europäischem Arbeitssystem überzugehen? Bei der jetzigen individuellen Wirtschaftsweise der Einzelwirtschaften schwerlich. Der moderne Pflug ist ja nicht das Einzige, das hierzu einzuführen ist. Benutzt man ihn ohne andere Maschinen, ohne Bemistung und ohne Regelung der Feldereinteilung, so geht das ein paar Jahre gut, und danach ist der Boden, wie das häufig vorkam, so ausgeraubt, daß er weiter kaum etwas trägt* Der Einzelwirtschaft ist aber die Anschaffung der nötigen Maschinen viel zu kostspielig. Eine Sämaschine wird drei bis vier Tage im Jahr gebraucht, eine Mähmaschine acht Tage, eine Dreschmaschine gar nur einen Tag; sie anzuschaffen lohnt sich