Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Die jüdische Kolonisation in Palästina III
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 641 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119812-3121380--1174-3121461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
640 I, Lew in, Die jüdische Kolonisation in Palästina III schaft. Die ersten Kolonisten warfen sich auf Getreidebau. Dann kam des Barons Administration; die versprach sich von Pflanzungen höhere Erträge, zumal der Boden für Feldwirtschaft nicht ausreichte. So begann man denn allenthalben damit, Weingärten anzulegen. Bis nach Rußland drangen die abenteuerlichen Geschichten von den neuen Aussichten und veranlaßten nicht wenige Phantasten, ihr ganzes Vermögen dort hineinzulegen. Der Weltmarkt hat sich aber wenig um des Barons Launen gekümmert — der Wein fand keinen Absatz, und die Hamburger Kommissionäre verkauften ihn für ein Drittel der Herstellungskosten. Der Baron nahm den Kolonisten die Trauben für 150—350 Prozent des Marktpreises ab. Schließlich hat man dann einen großen Teil der Stöcke ausgerissen — mancherorts ein Drittel der Bestände und mehr — und damit die Produktion eingedämmt Heute haben sich die Kolonisten zu einer Verkaufsgenossenschaft zusammengeschlossen und erzielten 1911 für den Kantar Trauben 22 Frs. An eine Vergrößerung der Rebenbestände denkt heute niemand mehr. Der unglückliche Ausgang der Weingeschichte hat aber die wenigsten belehrt. Es gibt noch immer Leute, die jetzt alle Hoffnung auf Orangen- und Mandelpflanzungen setzen. Sie bedenken nicht, daß anders als beim Qetreidemarkt sich auf dem Markt derartiger Luxusartikel jede Steigerung des Angebots stark durch Sinken der Preise fühlbar macht, und daß dazu die Monopolstellung bestimmter längst eingeführter Wein- und Obstsorten den Absatz sehr beschränkt. Dazu kommen weitere Gefährdungen: Das meiste Obst ist von nur kurzer Haltbarkeit. Den großen Schwankungen der Marktpreise und den damit verbundenen Schädigungen ist der Pflanzer widerstandslos preisgegeben. Für seine Eigenwirtschaft reicht der Ertrag weniger Bäume, und das übrige muß er unter allen Umständen loswerden. Ein kleiner Zufall bringt ihm dabei schwere Verluste. So herrschte 1911 in der Türkei Cholera; viele Länder ließen darum kein türkisches Obst herein, und so lag der Apfelsinenverkauf sehr darnieder. Von ausschließlicher Fruchtpflanzung soll man also in Palästina nur Geringes erwarten. Noch weniger aber von der Intensivierung dieser Kulturen, über die dort manche phantasieren. Gewiß, die wäre das einzige Mittel, um bei dem offenbaren Mangel an anbaufähigem Land eine größere Menschenmenge auf beschränkter Fläche unterzubringen. So schlägt der eine Rizinus, der andere Kolozint, der dritte sonstige Medizinalgewächse zum Anbau von Die alle vergessen aber, daß eine intensive Wirtschaft, die auf Palästina selbst als Absatzmarkt angewiesen ist, gar keine Aussichten hat. Es fehlen ja die großen