Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 636 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119812-3121379--1168-3121456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Dr. N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? 635 Gegenüber dieser weltgeschichtlichen Erscheinung einer religiös-ethischen Zucht größten Stils aus — Zweckmäßigkeitsgründen eine graue Folge ethischer Drillmeister zu empfehlen, erscheint mir wahrlich gewagt Und auch das Argument der erreichten Mündigkeit erscheint mir hier nicht angebrachter als oben. Man hört es ja oft genug: Was dem Kinde fromme, fromme dem Erwachsenen nicht. Früher sei die stützende Hand der positiven Religion nötig gewesen, damit die junge Sittlichkeit nicht falle. Heute jedoch sei das sittliche Ideal schon großjährig, könne auf eigenen Füßen stehen. Und obendrein sei die Hand auch schwach geworden, könne sich selber nicht mehr rühren, geschweige andere stützen . . . Wie unwahr das alles ist! Nie war die positive Religion eine stützende Hand der Ethik, nie eine fremde Hilfe, die diese annahm, weil sie mit ihrer eigenen Kraft nicht ausreichte, sie hat nur als äußere Erscheinungsform der inneren Religion diese und mit ihr auch die Ethik sichtbar gemacht. Und sie hat das nicht nur getan, sondern sie tut es auch jetzt und wird weiter fortfahren es zu tun. Immer und immer wieder werden jene gewaltigen irdischen Seelenorganisationen, die man Religionen nennt, die Stätten sein, in denen die seelischen Ziegel für die Wirklichkeitsbauten der menschlichen Ideale geknetet werden. Daran wird die geschäftige Hetze nichts ändern, die heute von vernünftelnden Bildungsphilistern und quasi philosophierenden Mechanisten auf der einen, von salbadernden Stimmungsreligiösen auf der anderen Seite getrieben wird. So ausgetrocknet, so von dem Odem der in die Tagtäglichkeit hineinbauenden Ewigkeit verlassen, wie sie sind, können sie ja vor dem religiösen Symbol, dessen unmathematische Wahrheit sie nicht begreifen, nichts anderes als Scheu empfinden. Und daß sie auch über ihren Kreis hinaus einige Unordnung und Verwirrung, einigen Seichtheitshochmut verbreitet haben, wer will sich darüber wundern? Wer wird deshalb schon glauben müssen, daß sie die Grundmauern des menschlichen Ewigkeitsverlangens wirklich in die Luft gesprengt haben? Wer wird deshalb eine vorübergehende Aera des Rückfalls und der Anfechtung gleich für einen endgiltigen Zustand ansehen wollen? Nein, gegenüber der Ewigkeit, die ihre Forderungen schließlich doch immer wieder unerbittlich präsentiert, machen die paar durch rationalistisch-mechanistische Anschauungsmode vergifteten Intelligenzgenerationen nichts aus. Einsicht und Einsichtfreude werden wieder kommen — allen Völkern, ganz besonders aber unserem jüdischen Volke, das ja nicht umsonst gewürdigt ist, in der schöpferischen Hingabe an Gott das wirkende Gesetz seines nationalen Lebens, sozusagen