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Die Freistatt · 1914-02-20 · Heft 11 (20.2.1914) · p. Seite 635

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 11 (20.2.1914)
Article
Zur Frage: Religion oder Ethik
Date
1914-02-20
Page
Seite 635 (sequence 8)
Language
German
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634 Dt\ N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? nur aus dieser Vormundschaft, die ihm jedenfalls eine historisch gewordene ist, erlösen will? Nun, dann kann ich nichts anderes tun als feststellen, daß er, wie tausend andere auch, im Banne des rationalistischen Schreckens vor der Form, speziell der religiösen — den Sinn für ihre Bedeutung überhaupt und das Urteil über ihre Rolle in der Seelen- und Sittlichkeitsgeschichte des jüdischen Volkes im besonderen verloren hat Es kann natürlich hier nicht meine Sache sein, auf die ganze Historie zu reflektieren und nachzuweisen, daß die Ethik nur von der religiösen Erregung der Völker gezeugt und überall nur in der strengen Zucht der religiösen Form selber existenzmögliche Lebensform angenommen hat. Vielmehr muß ich mich damit begnügen, auf jene Erscheinung hinzuweisen, die wohl der glänzendste Beweis sowohl für den religiösen Ursprung der Ethik als für die ethische Produktivität der positiven Religion ist, und die da Judentum heißt: Wir sehen die Vollgesogenheit des jüdischen Volkes mit ethischen Stimmungen, Ueberzeugungen und Strebungen. Wir sehen einen bei keinem anderen Volke erhörten Ueberfluß an großen und kleinen Persönlichkeiten, die mit sittlichen Forderungen an sich und die Welt herantreten. Wir sehen die Juden eine große sittliche Losung nach der anderen in die Menschheit werfen, Aber wir sehen nirgends in der ganzen jüdischen Geschichte eine unabhängige sittliche Transzendenz, nirgends einen selbständigen ethischen Apparat, aus dem man diesen ungeheueren Reichtum herleiten könnte. Im Gegenteile, von überallher — aus der Gesetzgebung des unerreichbaren Moses sowohl als aus der merkwürdigen Flammenschrift der Propheten, aus der strengen und klugen, zuweilen auch tiefen und genialen Kleinarbeit der Rabbinen, wie aus den eigentümlich warmen Gedankengängen der jüdischen Philosophen — aus allen diesen Werkstätten des erhabensten ethischen Pathos tönt durch dieses hinauf und hindurch uns immer als Leit- und Grundmotiv eine an sich unbedingte und nur in sich begründete, ebenso leidenschaftliche als fromminnige Hingabe an den Geist entgegen, der aller Welt Voraussetzung und Erfüllung ist, und überall sehen wir die Hingabe an die Ewigkeit in großartiger monumentaler Architektur in Gebilde der Zeit umgesetzt. Ueberall fühlen wir aus den mächtigen Gesetzesquadern, die eine Feuerwelt umschließen, die befruchtende Wärme atmen, durch die Israel nicht nur seine außergewöhnliche Lebenskraft gewonnen hat, sondern auch zum prinzipalen Volke des Ethos geworden ist.

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