Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 637 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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636 Di\ N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? seinen immanenten Beruf und in der Monumentalisierung dieser Hingabe einen Garantiefonds seiner Kraft zu besitzen. Auch ich kann — und darin war ich mir eigentlich immer in allen meinen Entwicklungsstadien gleich — das Leben nur dann als lebenswert ansehen, wenn ich an „das Ende der Tage" eine sittliche Adelung des ganzen Menschengeschlechtes setzen und zu früheren Terminen gehörige Abschlagszahlungen erwarten darf. Auch mich empört das soziale Unrecht, die nationale Unterdrückung, die Tyrannei der Mächtigen, der Triumph der Klugen und der Dummen über die Weisen; auch mir graut vor den Untaten der Verbrecher, vor der Roheit des Pöbels, vor allen den Hetzjagden menschlicher Meute auf menschliches Wild, vor den millionenfältigen Niedrigkeiten einer einzigen Stunde menschlichen Zusammen- und Einzellebens, Auch ich glaube, daß kein echter Judenmensch diesem wuchernden Unheil mit nonchalanter Beobachterruhe zusehen kann und darf. Aber ich habe Rationalismus und Mechanismus nicht deshalb überwunden, um mich mit einem mechanisch-rationalistischen Idealismus zu begnügen, und das Ideal, die Ethisierung der Menschheit auf dem Wege fortgesetzter „vernünftiger" Vorhalte zu suchen. Und nicht deshalb rang ich mich zu der Erkenntnis durch, daß allq Größe, die wir erreichten und noch erreichen wollen, von dortenher kommt, wo wir mit dem großen, leitenden Geiste des Weltgeschehens zusammenhangen, — damit ich jetzt hingehe und den Blick der Menschheit bei ihrer schweren Arbeit für das höchste irdische Ziel der Menschheit von dessen ewiger Quelle abziehen helfe. Nicht deshalb habe ich in der Religion, diesem Grenzreich zwischen Zeit und Ewigkeit den fruchtbaren Boden erkannt, auf dem die Sehnsuchten der Menschheit keimen — um mir jetzt einreden zu lassen, daß eine dieser Sehnsuchten, vielleicht gerade die größte, das sittliche Ideal aus einer mehr geleugneten als anerkannten transzendenten Welt selbständig auf uns herunterhängt Und von wem einreden zu lassen? Von ein paar gelehrten und wohlmeinenden Herren, die selber nichts anderes sind als aufgewirbelte und nachwirbelnde Stäubchen eines Sturmes Gottes über die Erde hin! Nein, da horch ich doch lieber weiter den Stürmen Gottes in Vergangenheit und Zukunft und dem mächtigen Flügelschwirren seines Sturmvogels Israel.