Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 634 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? 633 Losungswort „Jenseits von Gut und Böse" und die mannigfachen anderen bis weit hinein in die jüdischen Kreise reichenden Strömungen und Strebungen, von der „jüdischen Moral" freizukommen, nur Halluzinationen sind. Ich kann dann, wenn das Unmögliche gelingen sollte, erst zu fragen anfangen, ob die stärkere Anfechtungsmöglichkeit eines Ideals für dieses einen triftigen Ausschließungsgrund bildet. Ich kann mich auch ein bißchen umsehen, für welche „religiöse Mission" ich da eigentlich haftbar gemacht werden soll, und dabei feststellen, daß zwischen Missionspredigten um der bequemeren Assimilation willen und einem Durchdrungensein von der göttlichen Auserwähltheit des Volkes Israel zum Priestervolk der Menschheit denn doch ein gewisser Unterschied besteht. Das alles alles kann ich — wenn ich will —, aber ich will nicht, ich lege keinen Wert darauf, L. St—g in einer Stellung anzugreifen, an deren Besitz mir im Grunde nichts liegt Da ist es für mich doch viel interessanter, mir die Frage vorzulegen: Wie ist es nur möglich, daß er dieses ganze Problem nur vom Zweckmäßigkeitsstandpunkt behandelt? Wie kann er nur aus der von ihm gemachten Beobachtung, daß die Juden von der Religion tief durchdrungen seien, so ganz und gar keine Konsequenzen für sich ziehen? Wenn er selber weiß, daß es ein Etwas gibt, wovon das jüdische Volk tief durchdrungen ist, wie bringt er es dann fertig, daran vorübergehen zu wollen, ohne dazu Stellung zu nehmen? Wie kann er ohne ein bestimmtes freundliches oder feindliches Verhalten zu der Leidenschaft eines ganzen Volkes, seines Volkes auskommen? Wie kann er sich mit der Warnung begnügen, das Volk nicht in dem zu unterweisen, wovon es schon ohnehin so tief durchdrungen sei? Entweder ist diese Durchdrungenheit Krankheit — warum will er das Volk nicht von ihr heilen? Oder diese Durchdrungenheit ist die Normalität des Volkes, warum kommt ihm dann nicht der Schatten eines Gedankens, daß doch auch das sittliche Ideal des Volkes und seine eigene Begeisterung für dieses Ideal irgendwie mit dieser Normalität in Zusammenhang stehen müssen? Warum fühlt er sich nicht gedrängt, zum Volke zu gehen, nicht etwa, um es Religion zu lehren — das hat es allerdings nicht nötig —, aber um sie mit ihm zu teilen, um ihre nie aussetzende Kraft auch auf sich wirken zu lassen? Wie aber, wenn L. St—g gar nicht die Religion, die in philosophisch-genetischem Sinn Mutter der Ethik sein soll, sondern nur jene Religion meint, die man gemeiniglich so nennt — die Religion in positiver Gestaltung, namentlich in der Ausprägung bestimmter Formen? Wie, wenn er die Ethik