Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 633 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Dr. N, Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? bares Foigegesetz eines anderen letzten Gesetzes, das über und hinter ihm steht. Freilich kann man einwenden, daß der religiöse Ursprung der Ethik diese noch nicht zur ewigen Abhängigkeit von der Religion verpflichtet, daß sich das Folgegesetz vom Ursprungsgesetz doch einmal zu emanzipieren habe. Und man kann dafür Gründe anführen, die denjenigen analog sind, die für die Vollberechtigung großjährig gewordener Menschen geltend gemacht werden. Man kann sagen: Wenn die Zeit erfüllt ist, darf sich die Sittlichkeit den Maßstab ihres Wesens und Wirkens nicht länger von der Mutter Religion vorschreiben lassen. Oder ins Menschlich-Persönliche übersetzt: Der über die sittliche Unmündigkeit hinausgewachsene Mensch muß seinen sittlichen Willen von fremdem Geheiß befreien. Aber der Einwand ist falsch. Denn das Wort Ursprung darf hier nicht im historischgenetischen, sondern muß im philosophisch-genetischen Sinn genommen werden. Und demgemäß kann hier gar nicht von einem fremden Maßstab, der erst vorgeschrieben, einem fremden Willen, der erst aufoktroyiert werden müsse, die Rede sein. Außerdem kennt wohl die Sittlichkeit einen freien Willen, der zwischen dem Sittengesetz und dessen völliger oder teilweiser Negation, zwischen Gut und Böse, zu wählen hat. Das Sittengesetz, das Gute selbst aber steht ja für jeden, der es als gegeben anerkennt (nebenbei gesagt, aus anderen Gründen, auch für den Materialisten, der es als einen zufälligen Komplex von Vorstellungen wertet) über allem Willen. Es kann also die sittliche Freiheit nicht mehr beeinträchtigen, wenn es inhärierender Bestandteil und selbstverständliche Ausstrahlung irgendeines anderen, breiteren oder höheren Gesetzes, als wenn es souverän ist Im übrigen sind die Gründe, aus denen L. St—g die Ethik von der Religion abgetrennt haben und das ethische als das nationale Ideal des jüdischen Volkes betrachtet wissen will, gar nicht diejenigen, die ich liier zu widerlegen versuchte. Er macht sich die Sache viel leichter, nimmt die Trennung offenbar als in unseren Willen gestellt an und plädiert für sie mit einer Art Zweckmäßigkeitsargument: Die „religiöse Mission" könne die Frage nach dem Inhalte unserer nationalen Idee nur verdunkeln, sie sei nicht imstande, unseren formalen Nationalismus über den toten Punkt zu bringen, Ueber die Religion, und insbesondere über die jüdische, könnten verschiedene Meinungen herrschen, und diese Verschiedenheit werden voraussichtlich sogar noch wachsen Aber über unsere ethischen Ideale sei ein Streit unmöglich. Ich kann nun gleich diese allerletzte Behauptung bestreiten. Und zwar solange, bis man mich nicht überzeugt, daß das