Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 632 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? 631 Für mich ist die Geistes- und Gesellschaftsgeschichte eines Volkes nicht die Summierung von mit Fleiß erteilten und genossenen Lektionen, sondern die Erfüllung und Enthüllung seines Gehaltes und Inhaltes in genialen Kundgebungen. Wiederkauende Lehre ist nicht schöpferische Initiative, sondern nur ihr Nachklang. Die ewigen Wortwiederholer und Wortverderber können wohl gelegentlich Augenblicksmassen in Bewegung setzen, aber die große Linie des Volkes können sie nicht ziehen, des Volkes tiefstes Wesen nicht wahr machen, das in ihr wirkende Gesetz nicht erfüllen. Das können nur diejenigen, die dort stehen, wo das Volk mit der Ewigkeit zusammenhängt — jene paar Werkzeuge Gottes, die das erste Wort sagen und die erste Tat setzen. Abei wie ist es nur möglich, daß ich das alles L. St—g erst sagen muß — ihm, der doch nicht zu jenen gehört, denen Geschichte nur automatische Entwicklung ist, sondern der ausdrücklich ein wirkendes Gesetz, ein „Ideal" anerkennt? Wie kann er sich sein „Ideal" so mechanisch geborgen und behütet vorstellen? Wie kann er nicht einsehen, daß es einer stärkeren Hut als durch intelligenzlerische Schulmeister, daß es ewig erneuter Schöpfungskräfte, ewig neuer volkaufbauender Arbeit bedarf, wenn es nicht sterben und das Volk nicht in den Tod mitreißen soll? Und wie ist dieser Widerspruch zu erklären, wenn nicht dadurch, daß eben L. St—g das Opfer des Kampfes zwischen seinem ihm selber unbewußten religiösen Bedürfnis nach einer Teleologie der Entwicklungen und der angelernten mechanistisch-realistischen Gebärden unserer Zeit geworden ist? Darum kommt er ja auch zu einem souveränen ethischen Ideal, mit dem er sich wahrscheinlich ganz „aufgeklärt" vorkommt, und das doch nichts anderes ist als eine Verbeugung, die er seinem eigenen religiösen Triebe macht. Denn ein ethisches Gesetz kann doch nur als ein apriorisches, d, h. als ein wenn auch seinem Inhalt nach konkretes, doch logisch unbeweisbares gedacht sein. Und ein solches kann doch nur transzendentaler Herkunft sein, aus einer ersten, nicht mehr konkreten Quelle fließen, aus dem reinen, unanschaulichen Geiste stammen. Woraus sich doch aber wieder mit Notwendigkeit die folgenden zwei Konsequenzen, eine allgemeine und eine besondere, ergeben; 1. Der Ursprung der Ethik ist ein religiöser, und nur durch diesen Ursprung ist sie eine lebendige Tatsache in der Menschenwelt geworden. 2. Wenn es wirklich ein ethisches Ideal des jüdischen Volkes gibt — und das soll hier nicht angezweifelt werden —, so ist dieses nicht das letzte Gesetz der jüdischen Volksseele, sondern nur ein praktisch sieht-