Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 631 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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630 Dr. N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? Menschenleben bewältigen mußte, während sie mehrere Generationen zur Verfügung hat, um in unbewußter Konsequenz von der notwendigen und zu einem Teil sicherlich auch wohltätigen Jugendsünde eines mechanischen, materialistischen und rationalistischen, volksfremden Nationalismus zu organischer Volkstümlichkeit und in deren tieferer Erfassung auch zur Idee des jüdischen Gottesvolkes zu gelangen. Im übrigen muß ich es entschieden ablehnen, in bezug auf meine „Bekehrung" mit gewissen Stimmungen, die auch heute sporadisch in der jüdischen gebildeten Jugend auftreten, in besonderen Zusammenhang gebracht zu werden. Ich habe mit der färb- und gestaltlosen Gottsucherei sowohl als mit allen Versuchen, die jüdische Religion für die eingebildeten Bedürfnisse einer noch immer von der Fremde bedingten und benebelten Intelligenzkaste zuzustutzen, gar nichts zu tun. Was ich, wie überall, so auch auf diesem Gebiete suche, ist die ewige und eigene Linie meines Volkes. Dies meine Berichtigungen dessen, was L. St—g über meine Vorgeschichte und bisherige Entwicklung vorbringt. Was er über meine zukünftige Entwicklung sagt — daß ich auf den „kalt mystischen Höhen der religiösen Mission" nicht stehen bleiben, sondern mich bald den ethischen Idealen des jüdischen Volkes zuwenden werde — das kann ich natürlich nicht ebenso berichtigen. Vielleicht bringe ich ihn aber von gewissen Mißverständnissen ab, wenn ich auf das eingehe, was er im Zusammenhange mit seiner Prognose über Religion und Ethik ausführt, und was in seiner abschließenden Mahnung gipfelt: Das Volk nicht die Religion zu lehren, von der es ohnehin tief durchdrungen ist, vielmehr ihm die Erkenntnis beizubringen, daß der höhere nationale Ehrgeiz eines Juden in der Verwirklichung der ethischen Ideale des Judentums besteht. Schon das ist mir interessant, daß er diese Mahnung an eine bestimmte Schichte richtet, die, wiewohl sie nicht ausdrücklich bezeichnet, doch unschwer als die der Intelligenten, Gebildeten, Intellektuellen erkennbar ist. Nicht daß ich etwas gegen ihre deutliche Absonderung gegenüber dem Volke einwenden hätte: Ganz im Gegenteil! Nur weil mir gerade hier eine genauere Gruppeneinteilung und eine genauere Abgrenzung der Kompetenzen in der Oekonomie der nationalen Geistesarbeit notwendig erscheint. Für mich gibt es keine unterschiedslose lehrende Schichte, sondern eine „kompakte Majorität" der Intelligenten und der Intellektuellen, der geistigen Vermittler-, Sammler- und Handlangernaturen einerseits und der wenigen ideen- und formenschöpferischen Geistesmenschen andererseits.