Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Zur Frage: Religion oder Ethik
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 630 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. N. Birnbaum: Zur Frage: Religion oder Ethik? 629 strebungen aufgetreten, sondern im Gegenteil auf dem Wege immer bewußterer und stärkerer Ablehnung des zionozentrischen Irrtums allmählich vom Zionismus zum azionistischen Nationalismus gekommen. Es hat also eine stete Entwicklung stattgefunden, der, wie aller Entwicklung, das Ziel immanent war, d. h. die nichts anderes als den mühseligen und sozusagen stückweisen Durchbruch meiner ursprünglichen und latenten spiritualistischen Geistesart durch die in den Jahren der Unreife angesetzte Kruste der materialistischen Zeitmode darstellt Nun bezeichnet ja L. St—g meinen azionistischen Nationalismus mit offenbarer Betonung als materialistisch. Aber in Wahrheit war dieser Nationalismus — zu dessen meisten Forderungen ich mich übrigens nach wie vor mit allem Nachdruck bekenne —, der mich zum lebendigen und wirklichen jüdischen Volke zurückführte und somit auch dem wirkenden Sinne seines Seins näherbrachte —, nicht mehr, sondern weniger materialistisch als die ihm vorausgegangene zionistische Phase, Er bedeutete eine Station weiter, einen wichtigen Ruhepunkt vor dem letzten Siege über das Jugend-Oktroi, vor dem völligen Durchbruch des niedergehaltenen Spiritualismus, vor der Umkehr ohne Rest, vor der neuen „Metamorphose". Und natürlich ist dann auch diese selbst, die Wendung ins Religiöse, kein so urplötzliches Ding, als das es L. St—g erscheint. Gewiß treten religiöse Einsichten mit blitzartiger Plötzlichkeit auf — siehe das Wort: Erleuchtungen. Aber diese stellen doch auch wieder nichts anderes als das endliche Bewußtwerden eines Lichtes dar, das von allem Anfang an auf dem Grunde einer Seele gewohnt hat und mit stärkerer oder schwächerer Allmählichkeit immer höher gestiegen, der Schwelle des Bewußtseins immer nähergekommen, ja die Partien jenseits der Schwelle immer mehr vorausbeleuchtet hat. Und so war es auch in meinem Fall: Ein langjähriges stilles, nur manchmal für mich selbst als solches erkennbares Kämpfen, ein anfangs schüchternes und dann immer sichereres Sichhervorwagen von Gefühlen und Erkenntnissen, die ich immer weniger mit meiner einstiger Festigkeit im Unglauben abweisen konnte.*) Dabei will es mir, wenn ich meinen ganzen Entwicklungsweg rückschauend übersehe, scheinen, als ob die jüdische Intelligenz, soweit sie zu ihrem Volke zurückstrebt, denselben Weg wird wandeln müssen. Nur daß ich ihn in einem *) Wer sich dafür interessiert, kann aus meinem Entwurf eines Zukunftsromanes „Nach tausend Jahren*, den ich vor sechs Jahren schrieb, unschwer feststellen, daß ich damals dem religiösen Problem schon viel nachdenklicher gegenüberstand, als etwa noch sechs Jahre vorher.