Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 11 (20.2.1914)
- Article
- Alljudentum und Zionismus
- Date
- 1914-02-20
- Page
- Seite 626 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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F. M. Kaufmann, Alljudentum und Zionismus 625 und in den Ländern jüdischer Massensiedlung den Kampf um nationale Autonomie erleichtern können. Wirtschaftlich: Regulierung des Ueberganges zur Qualitätsarbeit, Errichtung von Handwerker- und Industrieschulen, Unterstützung aller genossenschaftlichen und agrarischen Bestrebungen im jüdischen Proletariat und Bürgertum, Gründung einer Kolonialbank für die amerikanischen, galizischen und später für die russischen Massen, Regulierung der überseeischen und Binnenwanderungen im Sinne einer zweckmäßigen, Licht und Luft lassender Konzentration. Was die kulturelle Arbeit angeht: Unterstützung aller Versuche, das alte Cheder in eine lebensfähige Nationalschule zu verwandeln. Schaffen eines jüdischen (jiddischen) Kulturfonds, eines Schulvereins usw. — Ich habe keine abstrakten Formeln aufgestellt. Das sind im Groben die Forderungen, die heute in der jüdischen Welt des Ostens lauter und lauter erhoben werden — und dies sieht anders aus als die Verlegenheitsprogramme, mit denen die zionistische Organisation sich die Zeit im „Galuth" ausfüllt, entspricht den Notwendigkeiten des Volks und nicht den Launen oder allzu voreilig getroffenen Anordnungen gegenwartsferner Volksbeglücker. Es sind das die Programmpunkte der gewaltigen interterritorialen, also alljüdischen Organisation, die früher, als man heute glaubt, auf den Plan treten und die Kräfte des Golus für den Golus selbst sammeln wird. Hierüber soll bald ausführlicher gesprochen werden. — Es mag gefährlich sein, nach dem Dargestellten den tiefen Stand zionistischer Wissenschaftlichkeit oder gar das, was sich allwöchentlich in den Parteiblattchen als Bilder vom ostjüdischen Leben vorfindet, charakterisieren zu wollen. Angesichts der notorischen Volksfremdheit und des bedauerlichen Unverstands, die das zionistische Zerrbild vom untergehenden und zu verneinenden „Galuth" entworfen haben, fehlen selbst einem sanfteren Menschen als ich es bin die ruhigen Worte. Und es würde tatsächlich am besten sein, sich nicht weiter um die längst erschütterte zionistische Verelendungstheorie zu kümmern, wenn nicht etwas anderes es nötig machte, immer wieder auf diesen Punkt zurückzukommen. Das ist nämlich die gemeingefährliche Art, wie die zionistische Agitation und Publizistik (es ausnutzend, daß der Westjude fern von aller jüdischen Wirklichkeit lebt, und daß die ,Freistatt* als Organ für Intellektuelle für die Masse der Schekelzahler leicht totzuschweigen ist) sich gegenüber den neuen Erkenntnissen dumm stellt, und ihr altes Spiel, ihre maßlosen Entstellungen und Unterschlagungen der jüdischen Gegenwart weiterübt. Es tut einem wehe um die Geistigen im Zionismus, daß sie ein derartiges Treiben zulassen.